Scheibel, Michael (2008)
Architektur des Wissens. Bildungsräume im Informationszeitalter.
München: kopaed
Review by: Schaffert, Sandra (2009-02-17)
Virtuelle und Reale Bildungsräume
Besucht man Mainz, wenn man ZDF schaut? Ist man in München, wenn man BRF hört? Beides klingt komisch. Beim Internet spricht man hingegen sehr wohl davon, dass man sich wohin oder wo hinein bewegt, obwohl das technisch nicht zutreffend ist, man lädt die Daten ja auf seinen eigenen Rechner: Man bewegt sich „im Netz“, das man als Raum wahrnimmt. Das war auch schon zu Zeiten so, als das World Wide Web noch vor allem aus Texten und Bildern bestand und 3-D-Welten noch Zukunftsmusik waren.
Das ist ein Aufhänger von Michael Scheibels Buch, in dem er beschreibt und illustriert, dass und wie das Internet als Bildungs“raum“ zu begreifen ist: Es ist nicht allein pädagogische Expertise gefragt, sondern auch architektonische: Anhand von kurzen Kapiteln, Interviews und Sequenzen zeigt er die wechselseitigen Bezüge und auch das Ineinandergreifen virtueller und realer Bildungsräume auf und legt damit einen Grundstein für eine (neue) Wissensarchitektonik.
Zum Autor
Michael Scheibel lebt, arbeitet und publiziert an der Schnittstelle von Pädagogik, Medien und Kunst: Dabei war er als Wissenschaftler an der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart und am MultiMedia-Studio in Hamburg beschäftigt und ist nun als Projektleiter und Fachbuchautor in Berlin tätig.
Zum Inhalt
23 Informationseinheiten offeriert Michael Scheibel im Klappentext, die „die vielfältigen Korrelationen zwischen der kommunikationstechnologischen Entwicklungen, den Theoriebildungen und der Organisation des Bildungsraums“ darstellen. Es handelt sich dabei nicht um Lehr- oder Handbuchbeiträge mit grundlegenden Einführungen, sondern um kurzweilige und kurze, aufeinander aufbauende und weiterführende illustrierte Schnappschüsse und Szenenbeschreibungen wie und wo Bildungsräume von und durch Technik beeinflusst werden, geplant und ungeplant. Auch Interviews, Projektbeschreibungen und Stellungnahmen (längere Zitate) fallen unter die „Informationseinheiten“, die vom Autor als Beiträge zur „Lokalisierung“, „Exemplifizierung“ und „Transformierung“ bezeichnet werden.
Folgendermaßen geht der Autor dabei beispielsweise vor: Das Buch beginnt mit zwei Abbildungen: Der eines viktorianischen Klassenzimmers um 1900 und der eines Computerraums in einem Gymnasium im Jahr 2003. Trotz des Computers scheint sich hier nicht viel geändert zu haben: Die Schüler/innen sitzen in Blickrichtung auf Tafel und Lehrer, die Tische in Reih und Glied mit gleichmäßigem Abstand. Michael Scheibel zeigt, dass dies, wenn auch noch vielerorts Realität, nicht die passende Raumgestaltung für das Lernen mit Computer und Internet sein kann und beschreibt dazu das Learning Laboratory der Stanford University, bei dem ein altes Fabrikgebäude entkernt und neu gestaltet wurde. Zur weiteren „Exemplifizierung“ wird dann die Gestaltung und Architektur der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek in Hamburg beschrieben, die 1925 gebaut wurde und als „Laboratorium des Geistes“ Bekanntheit erhielt. Gefolgt wird dies von einem Ausflug in die Radiotheorie von Berthold Brecht, die den Äther als virtuellen Raum beschreibt.
So kommt der Autor vom einen zum anderen, beschreibt die Entstehung der Fernuniversität Hagen, Kunstprojekte wie netzspannung.org, beschreibt Metaphern des Raumes (s. Einleitung oben), die Erfahrungen bei der Gestaltung der Science City der ETH Züricht oder zitiert den Kultur- und Medientheoretiker Michael Gieseke: „Die posttypographische Bildungspolitik braucht posttypographische Konzepte von Wissen, Wissensschöpfung und Kommunikation“ (s. S. 47).
Michael Scheibel bezieht sich also nicht auf pädagogische Theorien oder Erfordernisse, wie man dies vielleicht erwarten könnte, um die neuen Anforderungen und Gestaltungen von Bildungsräumen zu beschreiben. Vielmehr werden medientheoretische und architektonische Erfahrungen wie die Auswirkungen des Buchdrucks auf die Gestaltung von Klassenzimmern und Bibliotheken herangezogen, um den beschriebenen Wandel zu erklären und zu beschreiben.
Empfehlenswert!
Michael Scheibels neues Buch ist keines, das man in das Regal stellt, um bestimmte Stichworte nachzuschlagen. Es ist ein Lesebuch, das man dank der übersichtlichen und illustrierten rund 140 Seiten ohne weiteres am Stück lesen kann, oder es wegen des handlichen Formats und der kurzen Einheiten auch mitnehmen und immer mal wieder ein Stückchen schmökern kann.
Für alle, die heute Bildungsräume gestalten – das gilt also für Architekten, Pädagogen, Städteplaner, Bildungspolitiker, Informatiker und viele andere – sollte in diesem Buch etwas dabei sein, das das eigene Planen und Gestalten von virtuellen und realen Bildungsräumen überdenken lässt und den Blick für Veränderungen schärft, die der Wandel der Lernmedien erfordert und einfordert. Sehr zu empfehlen!