Kerres, Michael; Rottmann, Joachim; Stratmann, Jörg (2007)
Prüfen am PC. Wissenschaftlicher Evaluierungsbericht. PC-Prüfungen im Praxiseinsatz
From DIHK-Gesellschaft für berufliche Bildung / ZWH
Review by: Schaffert, Sandra (2009-04-02)
Computergestützte Prüfungen in der Berufsbildung
Im Zuge des Bologna-Prozesses und dem damit verbundenen zunehmenden Bedarf an Prüfungsdurchführungen, der fortschreitenden Durchdringung mit entsprechender Technologie sowie einer zunehmender Expertise bei den Anbietern, werden in Hochschulen immer häufiger computergestützte bzw. internetbasierte Prüfungen durchgeführt. Diese werden in der Regel unter Aufsicht abgelegt und automatisch ausgewertet. Auch in Teilen der beruflichen Weiterbildung, vor allem bei den Computer- und Anwenderzertifikaten wie der European Computer Driving License (ECDL) oder den diversen Zertifikaten von Microsoft, Novel, Cisco usw., werden dazu (auch) Online-Prüfungen abgelegt. Und wie schaut es in der beruflichen Aus- und Weiterbildung bei den Handwerks- sowie den Industrie- und Handelskammern aus?
Zu den Autoren
Vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Programms „Neue Medien in der Bildung“ und mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds finanziert, wurde das Projekt „Innovative Prüfungsverfahren in der beruflichen Aus- und Weiterbildung“ durchgeführt. Als Autoren des Evaluierungsberichts der entwickelten Prüfungsverfahren werden die Pädagogikprofessoren Michael Kerres und Joachim Rottmann sowie Jörg Stratmann, Mitarbeiter im Zentrum für Hochschul- und Qualitätsentwicklung an der Universität Duisburg-Essen, genannt.
Zu Inhalt und Studie
In dieser Studie wurden 25 öffentlich-rechtliche, computergestützte, meist webbasierte Prüfungen bzw. Testprüfungen in Bildungszentren der Handwerks- sowie von Industrie- und Handelskammern mit rund 450 Kandidaten evaluiert. Die Prüfungen werden weder im Detail, noch exemplarisch beschrieben, aber es scheint sich dabei nicht (nur) um automatisch ausgewertete Prüfungen zu handeln, die Rede ist von Multiple Choice und Freitext (S. 10). 363 der Prüfungskandidaten haben im Anschluss an die Prüfungen an einer Online-Befragung teilgenommen, deren Ergebnisse im Einzelnen vorgestellt werden: So erfährt man
dann, dass die Prüfungskandidaten der Weiterbildung zum Meister Elektrotechnik mit dem Prüfungsraum unzufrieden waren, weil es zuwenig Platz gab, und dass es sich bei den Prüfungskandidaten der Büro- und Versicherungskaufleute „um eine in beruflicher Hinsicht hoch computeraffine Gruppe (...) handelt“ (S. 9). Auf die Prüfung selbst bezogen, kann man im Detail nachlesen, welche Unterschiede es zwischen den Teilnehmern bei der Wahrnehmung der Komfortabilität der Beantwortung der Prüfungsfragen gibt: Unterschiede nach Institutionen, Prüfungsbereich und Berufsgruppe werden dargestellt. Zudem werden im Bericht einige der zusätzlichen Antworten der Kandidaten genannt, beispielsweise konkrete technische Probleme („Der Media Player, über den die Filme liefen, funktionierte am Ende nicht mehr“, S. 16).
Auch dem Aufsichtspersonal und den Prüfern wurden Fragen gestellt, beispielsweise wird in der Auswertung festgestellt, dass die Mehrzahl der Prüfer die automatische Auswertung geschlossener Fragen, also beispielsweise Mehrfachauswahlaufgaben, als Entlastung betrachten, 23 Prozent erlebten dies eher als Belastung (S. 21).
Ergänzend wurde ein internationaler Vergleich vorgenommen, wozu mehr als 300 Kontaktadressen angeschrieben wurden, von denen sich rund ein Sechstel meldete und es insgesamt zu 4 Interviews kam. Alleine in der Schweiz wurde mit der Lehrabschlussprüfung für Elektroniker/-innen eine „realisierte Online-Prüfung“ gefunden (S. 27).
Im Anhang findet sich schließlich die komplette Auswertung der einzelnen Fragen, ausgewertet für die Institutionen, Branchen und Art der Prüfung.
Kritik
Angesichts der illustren Autoren und der guten Optik der Broschüre überrascht mich die Oberflächlichkeit bei der Recherche und Darstellung des zu evaluierenden Gegenstands. Es ist zwar anzuerkennen, und ich habe auch diese Erfahrung gemacht, dass auch ein aufwändiges Anschreiben und Kontaktieren von Einrichtungen der „zuständigen Stellen“ in der Berufsbildung kaum neue Einsichten zum Einsatz von computergestützten Prüfungen ergibt. Allerdings hätte es nur eine kurze Recherche in einer einschlägigen Fachdatenbank gebraucht, um weitere, durchaus vorhandene computergestützte Prüfungen zu entdecken, die in der beruflichen Bildung in Europa zum Einsatz kommen. Schade auch, dass dieser Evaluationsbericht für mich als interessierte Leserin keinen genauen Einblick in das erlaubt, was da eigentlich evaluiert wurde: Es fehlen Beispielaufgaben, Screenshots und Beschreibungen der Prüfungen.
Wenn die Broschüre dazu beiträgt, dass nach „Einschätzung der Zentralstalle (sic!) für die Weiterbildung im Handwerk und der DIHK-Bildungs-GmbH (...) die Resultate der Erhebung ein klares „Ja“ zu computergestützten Prüfungen“ bedeuten (S. 1), freut mich das. Allerdings kann ich mir (weiterhin) kein klares Bild über die im Projekt entwickelten bzw. evaluierten Prüfungen machen. Schade.