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Stark, Robin; Gruber, Hans; Renkl, Alexander; Mandl, Heinz (1997)

„Wenn um mich herum alles drunter und drüber geht, fühle ich mich so richtig wohl“ – Ambiguitätstoleranz und Transfererfolg

Unterrichtswissenschaft, Vol. 44, pp. 204–215

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Review by: Hasanbegovic, Jasmina (2004-09-02)

Die Transferproblematik der Lehr-Lernforschung führte zur Entwicklung konstruktivistisch orientierter Instruktionsmodelle, die auf die Vermittlung flexibel anwendbaren Wissens in komplexen, computerbasierten Lernumgebungen abzielen. Die Konfrontation mit Komplexität und die damit einhergehenden hohen Anforderungen beeinflussen aber je nach Lernvoraussetzungen den Lernprozess und Lernerfolg maßgeblich.

Die vorliegende Studie untersucht, inwiefern zwischen a priori vorhandenen nicht- kognitiven Merkmalen Lernender und dem Lernerfolg beim Umgang mit Simulationen Zusammenhänge bestehen bzw. ob solche Merkmale mit Unterrichtsmaßnahmen in Wechselwirkung treten. Es wurde die Frage untersucht, inwieweit Wissenstransfer unterschiedlicher Reichweite (naher und weiter Transfer) durch das Ausmaß an Offenheit für Ambiguität moderiert wird.

Da die Präsentation multipler Lernkontexte zu Überforderungen des Lernenden führen kann, wurde eine mehrstufige Anleitung zum Problemlösen entwickelt, mithilfe derer ein systematischer, metakognitiv kontrollierter Umgang mit der Simulation induziert und damit ein positiver Effekt auf die Transferleistung erzielt werden kann. Das Ausmaß an Ambiguitätstoleranz von Lernenden stellt eine Voraussetzung für die Bearbeitung komplexer Lernumgebungen dar und beeinflusst nach Aussage der Autoren die Präferenz für bestimmte Aufgabenstellungen und epistemische Einstellungen.

60 kaufmännische Berufsschülerinnen lernten anhand der computerbasierten Unternehmenssimulation Jeansfabrik, wobei sie zufällig auf vier Zellen des 2 x 2 faktoriellen Designs Lernkontext (uniform vs. multipel) und Ausmaß zusätzlicher Unterstützung (ungeleitetes vs. geleitetes Problemlösen) aufgeteilt wurden. Der uniforme Lernkontext umfasste dabei nur eine einzige simulierte Marktsituation, während in multiplen Lernkontexten außer dem Standardkontext zwei weitere Marktsituationen simuliert wurden.

Die Untersuchung bestand aus zwei Individualsitzungen, zwischen welchen ein Zeitraum von einer Woche lag und in welchen jeweils drei Spielkontexte à 30 Minuten bearbeitet wurden. Während die erste Spielsitzung dazu diente, soviel wie möglich über betriebswirtschaftliche Rezepte und Zusammenhänge zu lernen, musste das erworbene Wissen in der zweiten Sitzung angewandt werden, um den Unternehmensgewinn zu maximieren. Unter dem uniformen Lernkontext setzten sich die Schülerinnen wiederholt mit dem Standardkontext auseinander, unter multiplen Kontexten waren nach der Bearbeitung des Standardkontextes weitere Kontexte präsentiert worden. In der ersten Sitzung wurden vor Beginn der Lernphase die Offenheit für Ambiguität und das betriebswirtschaftliche Vorwissen erfasst. Der Erfolg beim nahen Transfer wurde über die Steuerleistung in der zweiten Sitzung gemessen. Nach der Simulation bearbeiteten SchülerInnen verschiedene Aufgaben zur Erfassung des Erfolges beim weiten Transfer.

Der deskriptive Vergleich der erzielten Durchschnittsgewinne (naher Transfer) zeigte, dass die Schülergruppe Multipel/Geleitet als Unternehmer am erfolgreichsten war, gefolgt von der Schülergruppe Uniform/Ungeleitet. In der Aufgabe zum weiten Transfer war die Gruppe Uniform/Ungeleitet die erfolgreichste, gefolgt von Multipel/Geleitet. Der Haupteffekt Lernkontext war signifikant, wobei uniforme Lernkontexte im Vergleich zu multiplen einen günstigeren Einfluss auf den Erfolg beim weiten Transfer erwiesen. Lernende mit größerer Ambiguitätstoleranz waren über alle Gruppen hinweg beim nahen Transfer erfolgreicher. Bei gruppenspezifischer Betrachtung der Variablen wiesen die Autoren nach, dass die in den Gruppen vorliegende Beziehung zwischen Offenheit für Ambiguität und nahem Transfer von der spezifischen Kombination aus Komplexität des Lernkontextes und gegebener bzw. fehlender instruktionaler Unterstützung abhing. Beim nahen Transfer zeigte sich unter zwei Bedingungen (Uniform/Ungeleitet; Multipel/Geleitet) eine moderierende Wirkung der Offenheit für Ambiguität, beim weiten Transfer war dies nur unter der Bedingung Multipel/Geleitet der Fall.

Die Studie weist experimentell nach, dass komplexe Lernumgebungen nicht für alle Lernenden gleichermaßen geeignet sind und Aussagen über die Wirksamkeit von Lernumgebungen bei weniger ambiguitätstoleranten Lernenden differenziert betrachtet werden müssen. Die Autoren fordern zu Recht die Beachtung nicht-kognitiver Merkmale von Lernenden bei der Gestaltung von Unterrichtsmaßnahmen. Die Lösungsstrategie einer effektiven und effizienten Eignungsdiagnostik, die alle für den Lernerfolg ausschlaggebenden Merkmale erfasst, ist nach wie vor eine Herausforderung, die vor vielen unüberwindbaren Problemen steht.