Funke, Uwe (1993)
Computergestützte Eignungsdiagnostik mit komplexen dynamischen Szenarios
Zeitschrift für Arbeits- und Organisationspsychologie, Vol. 37, No. 3, pp. 109–118
Keywords: Assessment Methods, Educational Simulations (Examples)
Review by: Hasanbegovic, Jasmina (2004-07-07)
Der Einsatz computergestützter Simulationen und Planspielen in der Personalentwicklung erfreut sich nach wie vor grosser Beliebtheit, jedoch erfolgt die Entwicklung solcher Szenarien oft auf Basis der Augenscheinvalidität. Der Artikel versucht diesem Misstand entgegenzukommen, indem er in die testtheoretischen Gütekriterien computergestützter, komplexer dynamischer Szenarien einführt.
Nach einer Einführung in die Eigenschaften komplexer dynamischer Szenarios und der Darlegung der Quantifizierungsmöglichkeiten der Ergebnisse aus Szenarios auf den Ebenen der Steuerungsleistung, der Verhaltensebene und der kognitiven Ebene, werden Beispielszenarios mit vorhandenen kriterienbezogenen Validitätsdaten vorgestellt. In einem nächsten Schritt wird die psychologische Eignungsdiagnostik als Bezugsebene eingeführt, nach welcher der berufsspezifische Leistungsbereich im Mittelpunkt steht. Demnach können eignungsdiagnostische Prädiktoren entweder indirekt, aufgrund einer Beziehung zwischen möglichen Prädiktoren und dem Berufsleistungsbereich (Anforderungsanalyse) oder als Stichprobe der Aufgaben des beruflichen Bereichs (sample approach) konzipiert werden. Funke erläutert diverse Positionen hinsichtlich der geforderten Korrespondenz beruflicher und in Szenarios simulierter Anforderungen.
Die Schwierigkeiten der Erfassung der Konstruktvalidität fasst Funke für Studien mit differentialpsychologischem Bezug strukturiert zusammen. Dadurch dass die Beziehung zwischen Steuerleistung und Verhalten und deren Ausmass nicht generell definierbar ist, da Verhaltensmasse vielfältige Aktionen und Handlungsmuster zu Kategorien zusammenfassen und verschiedene Wirkungspfade verschiedener Direktheit zur Steuerungsleistung existieren, steht die Forschung nach wie vor vor grossen Herausforderungen.
Anschliessend beschreibt Funke die Gütekriterien Objektivität, Reliabiliät, kriterienbezogene Validität bzgl. komplexer dynamischer Systeme und gibt diesbezüglich die gängigsten Ergebnisse durchgeführter Studien an und vergleicht die Testergebnisse mit klassischen Eignungsdiagnostikverfahren der Personalentwicklung.
Schliesslich werden Anwendungsaspekte komplexer dynamischer Szenarios für Personalauswahl und /- entwicklung hochqualifizierter Fach- und Führungskräfte erörtert, wobei vor allem die Problematik darin gesehen wird, dass Angaben über das Preis- /Leistungs- Verhältnis eines Produktes (Simulation) ohne Nachweis der wichtigsten Gütekriterien nicht möglich ist. Weiterhin werden Entwicklungsperspektiven einer anwendungsorientierten eignungsdiagnostischen Forschung erläutert. Diese können beispielsweise in Anlehnung an berufliche Anforderungen als Bezugsgrösse empirische Daten für sinnvolle Einsatzbereiche und Abgrenzungen computergestützter Szenarien hervorbringen, bedürfen aber noch der Beseitigung der Defizite in der Erfassung der Gütekriterien.
Trotz des weit zurückreichenden Erscheinungsdatums dieses Artikels und der damit einhergehenden Beschreibung zurückliegender Produkte, hat dieser Artikel nicht an Aktualität verloren. Die zahlreichen Neuentwicklungen und Einsatzbereiche computergestützter Planspiele und Simulationen in den unterschiedlichsten Einsatzbereichen deuten auf eine ungebrochene Aufmerksamkeit hin, gleichzeitig zeigen sie aber auch, dass der Transfer zwischen Theorie, Empirie und Praxis noch vieler Schritte bedarf, um den Klauen der Augenscheingütekriterien zu entkommen.