Steffens, Dirk; Reiss, Michael (2009)
Blended Learning in der Hochschullehre. Vom Nebeneinander der Präsenzlehre und des E-Learning zum integrierten Blended-Learning-Konzept
Das Hochschulwesen, Vol. 57, No. 4, pp. 115–123
Review by: Gebhardt, Anja (2009-07-23)
Blended Learning, das als konzeptionell abgestimmte Kombination aus Präsenzlernen und E-Learning charakterisiert werden kann, ist im Rahmen von Personalentwicklungsmassnahmen bereits weit verbreitet und etabliert sich zunehmend auch im Kontext der Hochschullehre. Man verbindet mit diesem Ansatz das Bestreben, die Schwächen beider Vermittlungsformen zu kom-pensieren und Stärken synergetisch zu bündeln. Infolgedessen werden durch den Einsatz von Blended Learning Effizienz- (Kosteneinsparung durch die Überwindung zeitlicher und räumli-cher Restriktionen) und Effektivitätssteigerungen (Individualisierung des Lernens durch Nutzung eines adäquat auf Lerninhalte und Lernende zugeschnittenen Medien- und Methodenmixes) er-wartet. Nachdem in den vergangenen Jahren zahlreiche Modellversuche an Hochschulen initiiert und durchgeführt wurden, fokussieren sich bisher vorliegenden Forschungsarbeiten zumeist auf Ein-zelprojekte, die in Form von Fallstudien aufbereitet und ausgewertet werden. Demgegenüber be-richten STEFFENS und REISS über eine breit angelegte empirische Studie der Universität Stutt-gart, welche den Namen "Blended Learning@University" trägt und den Status quo der Integrati-on von Blended Learning in die Hochschullehre erfasst. Im Einzelnen werden darin (1) die Verbreitung und die Einsatzgebiete von Blended Learning, (2) die angewandten Kombinations-muster sowie (3) die Einschätzung der tatsächlich realisierbaren Vor- und Nachteile thematisiert und analysiert.
Zur Ergründung der genannten Erkenntnisinteressen wurden im Jahr 2008 200 Dozierende in Form einer Online-Befragung in die Studie einbezogen. Von diesen waren ca. zwei Drittel in Deutschland und ca. ein Drittel im Ausland beschäftigt. Die Stichprobe wurde auf Wirtschafts-wissenschaftler und Informatiker beschränkt, da bei diesen eine gewisse Affinität zu elektroni-schen Medien und innovativen Lehr-Lern-Arrangements vermutet wird.
Ergebnisse
- STEFFENS und REISS führen an, dass die Kombination von Präsenzlernen und E-Learning auf drei Ebenen stattfinden kann. Die Betrachtung der Makroebene (Hochschule), innerhalb derer Präsenzhochschulen von virtuellen Hochschulen unterschieden werden, wurde aus der Studie ausgeschlossen, da keine didaktische Verzahnung im engeren Sinne vorliegt. Auf der Mesoebene (Studiengänge) gilt es, die Kombination von Präsenzlehrveranstaltungen und Blended Learning-Lehrveranstaltungen im Kontext eines Studienganges in den Blick zu nehmen. Diesbezüglich berichten 21 % der Befragungsteilnehmer, dass ein derart konzipierter Studiengang an ihrer Ein-richtung existiert. In Bezug auf die Mikroebene (Lehreinheit) wird der Einsatz von Blended Learning Arrangements innerhalb einzelner Lehrveranstaltungen adressiert. Nahezu die Hälfte (49 %) der befragten Dozierenden gibt an, Blended Learning einzusetzen. Gleichermassen be-richtet jedoch ein relativ grosser Anteil von 30 % der Dozierenden, Blended Learning nie einzu-setzen. Bedeutsam ist zudem, dass zwischen verschiedenen Kontextfaktoren (Hochschultypen, Grössenklassen, Formen von Studiengängen) und dem Einsatz von Blended Learning keine signi-fikanten Zusammenhänge gefunden werden konnten. Ebenso wurde ermittelt, dass sich die finan-zielle Förderung von Blended Learning an einer Hochschule nicht signifikant auf dessen Integra-tionsgrad auswirkt. Stattdessen spielen kulturelle Faktoren wie das Selbstverständnis einer Hoch-schule eine entscheide Rolle in Bezug auf den Einsatz von Blended Learning Ansätzen.
- In Bezug auf die Kombinationsmuster dominiert unter quantitativen Gesichtspunkten weiter-hin die Präsenzlehre in den Hochschulen, denn 85 % der Befragten setzen E-Learning zu höchs-tens 30 % ein. Hinsichtlich qualitativer Aspekte wurde analysiert, welche Lernformen in welcher Weise miteinander gekoppelt werden. Die Ergebnisse offenbaren, dass die Unterstützung klassi-scher Präsenzlehre durch den Download von Lehrmaterialien eine weit verbreitete Kombination ist. Ferner werden verschiedene Präsenzlernformen häufig mit Internetforen und Chats angerei-chert. Darüber hinaus sind jedoch nur wenige typische Kombinationsmuster erkennbar. STEF-FENS und REISS ziehen auf Basis dieser Resultate das Fazit, dass in der Hochschullehre bisher keine systematischen Blending-Muster etabliert wurden, welche die "Gegensätzlichkeit der Lern-formen mit Blick auf Schwächenausgleich und Stärkenkopplung konstruktiv nutzen" (S. 118). Das parallele Angebot von Präsenzlernformen und alternativ wählbaren virtuellen Lernformen, welches ein hohes Individualisierungspotenzial bietet, wird lediglich von 10 % der Dozierenden immer oder oft unterbreitet. Im Gegensatz dazu werden Kombinationen, die verschiedene Lern-inhalte über unterschiedliche Formen der Wissensvermittlung (Entkopplung von E-Learning und Präsenzlernen) darbieten, relativ häufig eingesetzt. Die am häufigsten angewandte Form des Blended Learning ist die Administration der Präsenzlehre mit Hilfe von E-Learning-Instrumenten (z. B. Online-Anmeldungen). 66 % der befragten Dozierenden nutzen diese Kombination immer oder oft. Es sei jedoch angemerkt, dass dies als unechtes Blending zu charakterisieren ist, da kei-ne didaktische Verzahnung stattfindet.
- Da Effizienz und Effektivität entscheidende Faktoren für die Integration von Blended Lear-ning in die akademischen Lehre darstellen, wurden die Dozierenden um ihre Einschätzung zu ausgewählten Vor- und Nachteilen von E-Learning gebeten. Besonders vorteilhaft bewerten die Dozierenden die zeitliche und räumliche Flexibilität, die E-Learning allen Beteiligten bietet. 60 % schätzen diesen Vorteil als (sehr) positiv ein. Damit in Verbindung steht die höhere Reichweite von Lehr-Lern-Arrangements, die von 45 % der Befragungsteilnehmer geschätzt wird. Da-hingegen gehen lediglich 20 % der Dozierenden von einer möglichen Kostenreduktion aus. STEFFENS und REISS vermuten, dass diese Wertung mit dem Nachteil höherer Anschaffungs- und Erstellungskosten in Verbindung steht, den 47 % der Dozierenden für gewichtig einschätzen. Gleichermassen befürchten 38 % die sozialer Isolation und geringere Interaktivität der Studieren-den. Dahingegen stellen antizipierte hohe Anforderungen an die Methodenkompetenzen der Ler-nenden nach Auffassung der befragten Dozierenden keinen bedeutsamen Nachteil (25 %) dar. Auffällig ist, dass die Bewertung des Blended Learning in Bezug auf Vor- und Nachteile umso positiver ausfällt, je umfangreicher die Erfahrungen mit dem Blended Learning sind.
Da mit dem Blended Learning die Kompensation von Schwächen und die synergetische Bünde-lung von Stärken intendiert ist, gilt es überdies, Wechsel- und Verbundwirkungen zu betrachten und infolge dessen die Performancewirkungen, die durch das Blending beider Lernformen entste-hen, in die Befragung einzubeziehen. In diesem Zusammenhang sehen 39 % der Dozierenden didaktische Verbesserungen z. B. durch höhere Lernmotivation und 38 % Personalisierung z. B. durch individualisiertes Lerntempo realisiert. Damit in Verbindung steht eine darauf aufbauende mediale Reichhaltigkeit, die 60 % der Befragten durch Blended Learning erfüllt sehen. Ausser-dem geben 41 % eine verbesserte Reputation der Hochschule als potenziellen Verbundeffekt an. Im Gegensatz dazu glauben nur 12 % der Befragungsteilnehmer, dass Blended Learning einen nennenswerten Beitrag zur Verkürzung der Studiendauer leistet. Insgesamt, so STEFFENS und REISS, fällt die Bewertung der Wechsel- und Verbundwirkungen der Kombination von E-Learning und Präsenzlehrformen verhalten aus. Dieses Ergebnis basiert auf der mangelnden Aus-schöpfung der durch das Blended Learning gebotenen Potenziale und dem Fehlen systematischer Kombinationsmuster. Daraus resultieren Konsequenzen und Herausforderungen, mit denen die Dozierenden und das Hochschulmanagement zukünftig konfrontiert sein werden. Prinzipiell emp-fehlen STEFFENS und REISS, die Weiterentwicklung auf das Blending, d. h. die Kombination und Integration gegensätzlicher Formen der Wissensvermittlung auszurichten. Dabei sollte die Präsenzlehre zukünftig als Begleitung des Selbstgesteuerten Lernens konzipiert werden und das E-Learning als gleichberechtigte Komponente in diesem Methodenmix fungieren. Dem Hoch-schulmanagement, der Hochschuldidaktik und staatlichen Akteuren kommt dabei die Aufgabe zu, die Dozierenden bei der Umsetzung dieser Anforderungen zu unterstützen, indem E-Learning-Support bereitgestellt und kommuniziert wird.