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Schrackmann, I.; Knüsel, D.; Moser, T.; Mitzlaff, H.; Petko, D. (2008)

Computer und Internet in der Primarschule. Theorie und Praxis von ICT im Unterricht mit 20 Videobeispielen auf zwei DVDs

Oberentfelden: Sauerländer

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Review by: Reinmann, Gabi (2008-10-15)

Mein Gesamturteil gleich vorweg ...

Das Buch beginnt unspektakulär und skizziert in der Einleitung erst einmal, dass und inwiefern es das Resultat eines Forschungsprojektes ist, welches am Institut für Medien und Schule der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz – Hochschule Schwyz zwischen 2005 und 2007 durchgeführt wurde. Aus diesem Projekt stammt auch das Material für die beiden DVDs mit insgesamt 20 kommentierten Unterrichtsbeispielen, bei welchen der Leser zum Zuschauer wird und anschaulich miterleben kann, wie die Kernaussagen des Buches in der Unterrichtsrealität umgesetzt werden können. Wer marketingtechnisch professionell aufgezogene Veröffentlichungen zu innovativen Schulbeispielen etwa aus der Reportagen-Reihe „Treibhäuser der Zukunft“ kennt, wird nach diesem Einstieg vielleicht geneigt sein, das Buch wieder wegzulegen. Da kann man aber jedem Leser nur raten: „Tun Sie das nicht!“ Seit langem habe ich mal wieder ein Fachbuch von vorne bis hinten gelesen und das Begleitmaterial tatsächlich angesehen, denn: Das Buch überzeugt mich – von der verständlichen Darstellung und Aufmachung in Form einer Buch-Video-Kombination über die dezent verpackte theoretische und empirische Fundierung bis zur Praxistauglichkeit der vermittelten Inhalte.

Im Detail ...

Das Buch beginnt mit einem Überblick über klassische Fragen, denen man begegnet, wenn man digitale Medien in der Schule, speziell in der „Primarschule“ (was hier für die 1. bis 6. Klasse der Schweizer Schulen steht) einsetzt: Wie integriert man die digitalen Medien überhaupt in den Unterricht und was braucht man dazu? Was hofft man und was weiß man über die Effekte digitaler Medien im Hinblick auf die Lernkultur im Klassenzimmer? Wie sind die Rahmenbedingungen in der Primarstufe für den Einsatz digitaler Medien (wobei hier Unterschiede zwischen Schweiz, Österreich und Deutschland zu beachten sind)? Das erste Kapitel (Kapitel 1) endet mit dem Vorschlag eines Würfelmodells für die Nutzung digitaler Medien im Unterricht: Nun bin ich kein so großer Fan von dreidimensionalen Modellen wie Würfel, weil man damit eine Abgeschlossenheit suggeriert, die man bei diesem Thema sicher nicht haben kann. Nachvollziehbar aber sind die drei postulierten Dimensionen allemal: (a) Die Aktivitäten, die man unter Nutzung von digitalen Medien aus Lernersicht praktizieren kann, nämlich: 1. sich informieren, 2. kommunizieren und kooperieren, 3. üben, spielen und experimentieren sowie 4. gestalten und präsentieren; (b) die mit der Nutzung angestrebten Ziele in Bezug auf die „Medienkompetenz“ (i.w.S.), nämlich: 1. Medien kennen und handhaben, 2. Medien zielgerichtet nutzen und 3. Medien reflektieren, und (c) natürlich Fach und Klassenstufe, wobei jeweils zwei Klassen zusammengefasst werden.

Es ist äußerst hilfreich, dass sich die folgenden vier Kapitel (Kapitel 2 bis 5) an den Kernaktivitäten des Lernens mit digitalen Medien orientieren. Die Logik, die verschiedenen Möglichkeiten, Chancen und Voraussetzungen der Nutzung digitaler Medien danach zu unterscheiden, was man damit schwerpunktmäßig mach (Informieren, Kommunizieren/Kooperieren, Üben/ Experimentieren/Spielen, Gestalten/Präsentieren), ist nachvollziehbar und praktisch relevant. In jedem Kapitel erfährt der Leser, welche Potenziale die digitalen Medien jeweils bieten, ohne dass die Grenzen, mitunter auch Gefahren verschwiegen werden. Es werden Bezüge zu Lehrplänen hergestellt und Beispiele dargelegt, die unterschiedliche Methoden, Fächer und Klassenstufen umfassen. Für meinen Geschmack hätte der Aufbau dieser vier Kapitel noch etwas systematischer sein können: So wäre es durchaus hilfreich gewesen, vergleichbare Dimensionen als Unterkapitel in jeder Kategorie der Mediennutzung zu finden. Aber auch ohne diese Systematik werden die Inhalte übersichtlich vermittelt. Gelungen ist die informative und den Leser trotzdem nicht übermäßig „belastende“ Integration empirischer Erkenntnisse: Es gelingt den Autoren, ihre Botschaften geschickt mit aktuellen Befunden zu belegen, ohne gleich in ein zwanghaftes Aufzählen von Literaturhinweisen zu verfallen. Das ist eine für den interessierten Praktiker, aber auch für viele Studierende gute Balance zwischen Verständlichkeit und Praxisbezug einerseits und Vertiefung und wissenschaftlicher Begründung andererseits, die nicht immer leicht herzustellen ist.

Unter dem Titel „Qualität des ICT-Einsatzes im Unterricht“ setzen sich die Autoren im anschließenden Kapitel 6 mit zentralen Fragen der Qualitätssicherung und -entwicklung im mediengestützten Unterricht auseinander. Auf gut zehn Seiten werden äußerst prägnant die wichtigsten Faktoren, welche die Qualität von Unterricht beeinflussen, dargelegt und auf Fragen des Medieneinsatzes bezogen. Besonders gut gefallen hat mir dabei die Auseinandersetzung mit häufigen Sorgen und Kritikpunkten – allem voran die Angst vor dem Verlust an Primärerfahrungen durch den Medieneinsatz in der Primarstufe. Dabei kommen die Autoren in Anlehnung an Argumente des Medienpädagogen Heinz Moser zu dem Schluss, dass der sicher gut gemeinte Begriff vom „pädagogischen Mehrwert“, den digitale Medien haben sollten, möglicherweise nicht mehr sinnvoll ist, denn: Digitale Medien sind inzwischen Teil unserer Alltagswelt, sie prägen unser Handeln und haben damit bereits einen „Eigenwert“, der neben dem pädagogischen Mehrwert nicht unter den Tisch fallen sollte. Ganz klar werden aber auch die Gefahren digitaler Medien in Kinderhand thematisiert und keineswegs beschönigt. Aber anstelle abschreckender Warnsignale, wie sie durch die Medien (gerade durch die!) geistern, folgen sinnvolle Empfehlungen, wie man als Lehrender Risiken mindern oder schwierigen Situationen offensiv begegnen kann.

Der letzte Teil des Buches (Kapitel 7 und 8) bereitet die Nutzung der dem Buch beigegebenen beiden DVDs vor: Ziel ist es, den Leser darüber zu informieren, wie man Video generell und folglich auch das Videomaterial des Buches in der Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen einsetzen kann und welche Varianten sich wofür genau eignen. Zudem wird ein Überblick über die 20 Videolektionen auf den DVDs gegeben. Schön ist, dass man hier auf einem Blick zu jedem Unterrichtsbeispiel die relevanten Eckdaten erhält; das erleichtert die Auswahl vor allem für den praktisch tätigen Lehrer, der sich Anregungen holen will.

Das Videomaterial ....

Die DVDs selbst sind sehr sehenswert: Ausreichend lang, um sich ein Bild machen zu können, aber nicht ermüdend gestreckt erhält man Einblick in den Unterrichtsalltag mit digitalen Medien in verschiedenen Fächern und Klassenstufen. Eine gute Idee ist die Kommentierung durch die Lehrpersonen, die Schüler selbst und Experten. Durch die Kommentare aus verschiedenen Perspektiven erhält das Ganze einen gewissen „Story Telling“-Charakter, wie er z. B. in der Methode von Kleiner und Roth („Konstruktion von Learning Histories“ ) angestrebt wird. Dass bei den Lehrer- und Expertenkommentaren immer noch einmal der gesamte Film abläuft, wirkte auf mich ein wenig redundant und störend. Ob es aus didaktischen Gründen wirklich nötig ist, es genau so zu gestalten, kann man freilich ohne Überprüfung nicht sagen. Schön wäre es auch gewesen, wenn alle Videolektionen einen kleinen Expertenkommentar erhalten hätten; dies ist nur bei manchen Aufnahmen der Fall.

Mein Resümee ....

Wie eingangs schon vorweggenommen: Ich kann dieses Buch allen uneingeschränkt empfehlen, die digitale Medien in der Bildungspraxis einsetzen wollen. Es wendet sich zwar vorrangig an Lehrpersonen in der Primarstufe, aber auch andere Lehrende können eine ganze Reihe interessanter Botschaften aus dem Buch ziehen. Das betrifft zum einen die Inhalte, von denen sich viele sehr gut auf Kontexte wie Hochschule oder Weiterbildung übertragen lassen. Und das betrifft zum anderen die Aufmachung des Buches, das mit seinem gelungenen Konzept der Integration unterschiedlicher Medien und Darstellungsformen selbst ein Vorbild für didaktische Gestaltung sein kann. Meine Kritikpunkte beziehen sich auf eher marginale Dinge – das wäre sozusagen der Optimierungsspielraum, der noch da ist. Das schmälert aber nicht mein positives Gesamturteil und ich hoffe, dass viele Bildungspraktiker einen Weg zu dieser Publikation finden.