OverviewPedagogyLearning Design

Niegemann, Helmut; Hessel, Silvia; Hochscheid-Mauel, Dirk; Aslanski, Kristina (2003)

Kompendium E-Learning

Berlin: Springer

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Review by: digital spirit, GmbH (2005-11-07)

Ein Kompendium ist laut Wörterbuch ein "Abriss, kurzgefasstes Lehrbuch", und lehrreich ist das unlängst erschienene "Kompendium E-Learning" in jedem Fall. Nur erscheint es mit einem Umfang von 411 Seiten nicht wirklich kurzgefasst.

Immerhin geht es um ein sehr umfassendes Thema: In 21 Kapiteln wird die systematische Entwicklung von E-Learning-Angeboten abgehandelt. Der Aufbau des Buches zeichnet dabei einen idealtypischen Entwicklungsprozess nach, der mit der methodischen Analyse der Ausgangsbedingungen beginnt und über die Konzeption, Gestaltung und technische Umsetzung bis hin zur Evaluation verläuft. In der Praxis hat dieser Entwicklungsprozess jedoch höchst selten einen gradlinigen Verlauf. Zur Darstellung der Vorgehensweise ist deshalb anstelle eines Stufenmodells ein operatives Modell besser geeignet, wie es in dem Kapitel 2 "Wissenschaftliche Theorien, Modelle und Befunde" abgebildet ist:

Inhalt

Laut den Autoren um Prof. Niegemann von der Universität Ilmenau stellt die gründliche Analyse der Ausgangsbedingungen die kritische Phase in der Konzeption digitaler Lernumgebungen dar – dennoch werde diese in der Praxis am meisten vernachlässigt. In Kapitel 3 erfolgt eine differenzierte Darstellung der obligatorischen Analysefelder, von der Problem- und Bedarfsanalyse bis hin zur Analyse des Einsatzkontextes.

Die Ergebnisse der Analyse gehen ein in das Design, die technische Umsetzung und Implementierung. Andererseits müssen dabei oft technische, finanzielle oder andere vorgegebene Faktoren berücksichtigt werden, so dass zwischen diesen Bereichen eine Wechselwirkung besteht (wie im obigen Diagramm illustriert).

Einen großen Teil des Buches nehmen Konzeption und Gestaltung ein (im Diagramm zu Design zusammengefasst). Hier werden spezielle Aspekte des didaktischen Designs wie Sequenzierung, Interaktivität, der Einsatz von Video, Audio und Animationen, Kombination von Text und Bild und Lernermotivation ausführlich erörtert. Die eigentliche technische Umsetzung (Development) und die Implementierung werden in drei Kapiteln eher überblickartig (dabei aber keineswegs oberflächlich) dargestellt, womit sich diese Abschnitte eher an Nicht-Informatiker und Technik-Laien wenden.

Das Projektmanagement, das nicht nur bei Großprojekten die Wechselbeziehungen oben beschriebener Bereiche koordinieren sollte, wird ebenfalls nur kurz thematisiert. Neben der Bereitstellung praktischer Checklisten wird hier auf vorhandene Fachliteratur zum Thema verwiesen.

Dagegen werden die Maßnahmen zur Qualitätssicherung in zwei Kapiteln – eins über Evaluationsprozesse und –methoden und ein weiteres speziell über Usability-Tests – ausführlich erläutert. Die prozessbegleitende Qualitätssicherung bildet quasi den Rahmen für die Entwicklung von E-Learning-Angeboten.

Schwerpunkt Didaktik

E-Learning lässt sich keiner einzelnen Disziplin zuordnen, und so vereinigt auch dieses Buch Aspekte aus Pädagogik, Informatik, Psychologie, Grafikdesign und Betriebswirtschaft. Der Fokus liegt hierbei allerdings eindeutig auf der Didaktik, denn in diesem Bereich sehen die Verfasser – bezogen auf den deutschsprachigen E-Learning-Markt – bislang die größten Defizite.

Dementsprechend gründlich wird diesbezüglich vorgegangen: Bereits der Abriss der Entwicklungsgeschichte computergestützter Lerntechnologien im ersten Kapitel konzentriert sich auf didaktische Aspekte. In Kapitel 2 erfolgt dann eine theoretische Grundlegung mit der Einführung in das Konzept des Instruktionsdesigns. Damit ist die systematische Anwendung pädagogisch-psychologischer Prinzipien bei der Konzeption von Lernanwendungen gemeint. Inzwischen gibt es eine fast unüberschaubare Vielzahl von Instruktionsdesign-Modellen, die unterschiedliche Relevanz für E-Learning besitzen.

Im Buch wird jedoch keines der verfügbaren Modelle favorisiert. Prinzipiell spreche nichts dagegen, für verschiedene Designentscheidungen unterschiedliche theoretische Modelle heranzuziehen, zumal es sich vielfach um "lokale" Modelle handelt, die sich auf bestimmte Teilaspekte (wie z. B. Segmentierung der Inhalte oder Motivation der Lerner) beziehen. Gleichzeitig lassen die Verfasser keinen Zweifel daran, dass sie jeglichen Verzicht auf eine wissenschaftliche Fundierung für fahrlässige "Bastelei" halten.

Die meisten der dargestellten Modelle sind technologisch in dem Sinne, dass sie konkrete Handlungsanweisungen zur praktischen Umsetzung wissenschaftlicher Theorien geben und damit sehr praxisorientiert sind. Aufbauend auf Erläuterungen zur grundsätzlichen didaktischen Orientierung (Kapitel 4) finden sich demzufolge in den Kapiteln 6 bis 14 zahlreiche Empfehlungen zur didaktischen Gestaltung. Bemerkenswert dabei ist, dass nicht wenige der wissenschaftlichen Befunde der Intuition widersprechen und es des öfteren Konflikte zwischen instruktionspsychologischer Effektivität und ästhetischem Empfinden gibt.

Fazit

Das vorliegende Kompendium kann seine akademische Herkunft nicht verleugnen – und hat auch keinen Grund dazu. Einen kurzgefassten Leitfaden mit griffigen Tipps darf man nicht erwarten. Vielmehr werden die vielfältigen Empfehlungen zur Gestaltung von E-Learning-Anwendungen jeweils untermauert durch die eingehende Darstellung der theoretischen Grundlagen.

Insofern eignet es sich nicht nur als Lehrbuch im Hochschulbereich, sondern bietet als Handbuch auch Praktikern eine wissenschaftlich fundierte Orientierung für den nach Meinung der Autoren bislang stark vernachlässigten Aspekt der Didaktik.

In Anbetracht der für die x.media.press-Reihe gewohnt hochwertigen Aufmachung mag man dann auch den ebenfalls gewohnt hohen Preis verschmerzen.