OverviewPedagogyLearning Design

Baumgartner, Peter (2003)

Didaktik, E-Learning-Strategien, Softwarewerkzeuge und Standards – Wie passt das zusammen?

In Franzen, Maike (Hrsg.), Mensch und E-Learning. Beiträge zur E-Didaktik und darüber hinaus, Seiten 9–25

Google this publication · ScholarGoogle this publication · Google its collection · ScholarGoogle its collection · Find collection at Amazon.de

Review by: Reinmann, Gabi (2004-08-20)

Das Ziel des Artikels von Peter Baumgartner wird analog umschrieben als „Tour de Force“ in einem Gebiet, das – trotz der Flut an Publikationen – keineswegs als ausreichend „kartographiert“ bezeichnet werden kann: Es geht um die Zusammenhänge zwischen Didaktik, e-Learning, Softwarewerkzeugen und Standardisierungsbemühungen, von denen man – so Baumgartner – erst einmal eine Gesamtschau, also eine Ahnung vom zugrunde liegenden „Muster“ brauche, bevor man sich in Details vertieft. Das, so meine ich, ist eine sehr wichtige Feststellung und Vorgehensweise, die in wissenschaftlichen Kreisen gerne umgangen wird – aus Angst, mit übergeordneten konzeptionellen Überlegungen der allgegenwärtigen Forderung nach empirischen Resultaten nicht ausreichend nachzukommen. Der Artikel lädt zur Reflexion ein, liefert aber auch ausreichend Beispiele, die den Bezug zur Praxis sicherstellen.

Der Artikel beginnt mit der Frage, ob es eine eigene Didaktik des E-Learning gibt oder geben sollte, die Baumgartner ohne lange Diskussion verneint. Sein Plädoyer lautet, bisherige pädagogische und didaktische Theorien auch unter den Bedingungen von E-Learning zu überprüfen und weiterzuentwickeln. Wie das geht, zeigt er anhand seines eigenen, bereits Anfang der 1990er Jahre entwickelten heuristischen Lernmodells, das – in Form eines Würfels – drei Dimensionen umfasst: a) die Dimension des Lernens und Lehrens, auf der verschiedene Grade der Entwicklung des Lernenden vom Novizen zum Experten abgebildet werden, b) die Dimension der sozialen Organisation von Lernen, auf der ein Transfer-, Tutoren- und Coach-Modell unterschieden werden, und c) die Handlungsdimension, auf der (ähnlich wie im Instruktionsdesign) unterschiedlich komplexe Tätigkeiten beim Lernen (vom Erinnern über das Nachahmen, Auswählen und Entdecken bis zum Konstruieren) angeordnet sind.

Alle drei Dimensionen wendet Baumgartner in seinem Artikel auf webbasiertes Lernen an: Dem fünfstufigen dynamischen Entwicklungsprozess vom Novizen zum Experten (Dimension Lernen/Lehren) lassen sich verschiedene Phasen des Erlernens von E-Learning-Prozessen zuordnen, in denen Nutzer a) Zugang und Motivation zu einem E-Learning-Angebot brauchen, b) eine Art „Online-Sozialisierung“ durchlaufen müssen, c) Informationen austauschen, d) dann auch endlich Wissen konstruieren und d) im Idealfall selbstorganisiert lernen. Die Dimension der sozialen Organisationsform findet sich relativ leicht auch beim E-Learning wieder, da hier Einwegkommunikation auf einer statischen Website ebenso möglich ist wie dialogische Austauschbeziehungen via asynchroner Kommunikation oder vollständiges virtuelles Lernen einschließlich kollaborativem Arbeiten. Schließlich findet Baumgartner auch für die Ausprägungen seiner Handlungsdimensionen Pendants beim E-Learning: Informations-Websites oder Content Management Systeme zur reinen Rezeption, Drill and Practice zum (übenden) Anwenden, komplexe problemlösende Tutorien, virtuelle Umgebungen zur entdeckenden Exploration und Kooperation sowie werkzeug-basiertes kooperatives Arbeiten mit Chancen zum Konstruieren und Erfinden.

Auf der Handlungsebene finden sich Hinweise auf technische Werkzeuge, die im Bereich des E-Learning allzu oft im Vordergrund stehen – zu Unrecht, wie Baumgartner ausführt, denn den „Wert“ eines Software-Produkts könne man erst dann beurteilen, wenn die Einbettung in ein didaktische Szenario und die Übernahme didaktischer Funktionen bekannt seien, die ein Werkzeug übernimmt. Produktevaluationen muss man vor diesem Hintergrund mit Vorsicht genießen, denn sie machen weder Aussagen über konkrete Anwendungsstrategien noch über Inhalte, die mit diesen Werkzeugen erstellt oder bearbeitet werden.

Am Ende des Artikels werden noch die derzeit laufenden Standardisierungsbemühungen beim E-Learning kurz angesprochen, bei denen Baumgartner eine fehlende pädagogische und didaktische Orientierung bemängelt.

Der Artikel plädiert überzeugend für einen pädagogisch-didaktischen Zugang zum E-Learning, ohne dabei das technische Rüstzeug in den Überlegungen und Vorschlägen außen vor zu lassen. Nicht alle herangezogenen Modellvorstellungen kann ich in ihrer Logik ganz nachvollziehen, nicht alle Argumente wirken ausgereift. Aber das – so Baumgartner Einleitung – ist auch gar nicht Ziel dieses Artikels, der sich als „Tour de France“ zum Erkennen von Mustern im Dickicht des E-Learning versteht; und dieses Ziel kann in jedem Fall als erreicht gelten.