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Müller, Andreas; Schmidt, Bernhard (2009)

Prüfungen als Lernchance: Sinn, Ziele und Formen von Hochschulprüfungen.

Zeitschrift für Hochschulentwicklung, Vol. 1, No. 4, pp. 23–45

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Review by: Gebhardt, Anja (2009-10-30)

MÜLLER und SCHMIDT thematisieren im vorliegenden Beitrag die Funktionen von Prüfungen im Hochschulkontext. Dabei berücksichtigen die Autoren insbesondere die veränderten Anforderungen, die sich vor dem Hintergrund der Bologna-Reformen und seitens verschiedener Anspruchsgruppen (Studierende, Arbeitsmarkt, Bildungspolitik etc.) ergeben. In diesem Zusammenhang plädieren die Autoren für eine Lern- und Prüfungskultur, die auf die Passung von Lernzielen, Lehrmethoden und Prüfungsformen abzielt und leiten dementsprechend Gestaltungsempfehlungen ab.

Trotz der praktischen Relevanz, die Prüfungen in Lehr- und Lernprozessen und insbesondere im universitären Kontext besitzen, identifizieren MÜLLER und SCHMIDT ein Defizit bezüglich einer systematischen theoretischen Fundierung. Sie intendieren einen Beitrag zur Klärung offener Fragestellungen (Funktionen von Prüfungen für Studierende, Gestaltungsempfehlungen zur Realisierung bestimmter Prüfungsfunktionen) zu leisten.In einem ersten Schritt beschäftigen sich MÜLLER und SCHMIDT mit möglichen Funktionen von Prüfungen und verweisen auf eine umfassende und differenzierte Systematisierung von Flechsig (1976). Dieser benennt elf Funktionen und kategorisiert sie zu drei Hauptfunktionen. Während Prüfungen im Rahmen der Herrschafts- und Sozialisierungsfunktionen für den Erhalt bestehender Zustände, den Zugang zu bestimmten Ressourcen sowie die Legitimation eines sozialen Status verantwortlich zeichnen, dienen Prüfungen im Kontext von Rekrutierungsfunktionen primär der Selektion und Auswahl oder der Zuordnung von Personen zu Bedingungsklassen. Die Hochschule tritt in diesem Fall als regulierende Institution auf, die Zugangsvoraussetzungen zu weiterführenden Modulen oder Masterstudiengängen definiert und prüft. Aus studentischer Perspektive werden dadurch bestimmte Karriereoptionen erschlossen oder aber ausgeblendet. Im Rahmen didaktischer Funktionen fungieren Prüfungen als zeitliche und inhaltliche Gliederungspunkte, die den Lernenden Orientierung stiften, indem sie Rückmeldungen zum Lernstand und zum Lernprozess bereitstellen. Infolgedessen können sinnvolle Verbesserungsmassnahmen abgeleitet und initiiert werden. Gleichermassen dienen Prüfungen in diesem Fall als Quelle der Motivation.

Die Verfasser diskutieren, dass das derzeitige akademische Prüfungswesen vorrangig auf die Realisierung von Herrschafts- und Sozialisierungs- sowie Rekrutierungsfunktionen ausgerichtet ist und erst in zweiter Linie didaktische Funktionen adressiert werden. Sie kontrastieren diesen Status quo mit dem prägenden Einfluss von Prüfungen, da diese den Lernprozess und den Lernerfolg Studierender bedeutsam beeinflussen. MÜLLER und SCHMIDT folgern, dass es zukünftig einer veränderten Perspektive bedarf, die die didaktischen Funktionen stärker in den Blick nimmt und Prüfungen als wesentlichen Bestandteil des Lernprozesses versteht.Wenngleich die Autoren den Einsatz standardisierter Prüfungsverfahren (Klausuren, Multiple-Choice-Tests) für die Vermittlung deklarativen Wissens und im Kontext lehrerzentrierter Lehr-Lern-Arrangements durchaus legitimieren, plädieren sie in Bezug auf den Aufbau transferierbaren Anwendungswissens in lernerzentrierten Lehr-Lern-Arrangements für veränderte Prüfungsverfahren. MÜLLER und SCHMIDT regen in diesem Zusammenhang die Bearbeitung authentischer Fallbeispiele oder die Vorlage praxisnaher offener Aufgabenstellungen an. Des Weiteren sind Simulationen oder die Anfertigung von Portfolios denkbar. Es gilt jedoch zu beachten, dass die Bewertungskriterien im Vorfeld klar definiert und den Studierenden gegenüber kommuniziert (feedforward) wurden. Darauf basierend sollten die Lernenden regelmässige, faire und konstruktive Rückmeldungen erhalten. Die Autoren empfehlen ferner, peer und self assessments zu integrieren. Die Studierenden sind in die Festlegung von Prüfungsinhalten und -formen sowie die Bewertung erbrachter Leistungen einzubeziehen. Dies bedarf wiederum der Vorbereitung der Studierenden sowie deren Begleitung seitens des Dozenten.

Des Weiteren stellen die Verfasser des Beitrags exemplarisch dar, wie die Gestaltungsempfehlungen und die Entwicklungsfunktion durch Feedbackprozesse in lernerorientierten Veranstaltungen realisiert werden kann. Dabei gilt es zunächst einen Bewertungsbogen zu erarbeiten, mit dessen Hilfe studentische Leistungen später systematisch beobachtet werden können. Die relevanten Beobachtungskriterien können entweder vom Dozenten selbst abgeleitet oder aber in Diskussionen mit Studierenden herausgearbeitet werden. Für die so gewonnenen Beobachtungskategorien sind nachfolgend Bewertungsstandards (inhaltliche Zielvorgaben) zu definieren. Diese können ebenfalls vom Dozenten gesetzt oder gemeinsam mit den Studierenden entwickelt werden. Die festgelegten Bewertungskriterien und -standards sind den Studierenden zu kommunizieren, damit diese im Sinne eines feedforward als verhaltenssteuerende Orientierungspunkte Wirkung erzielen können. Nach Absolvierung der Prüfung sind die Beobachtungen (als wertneutrale Hinweise) und Bewertungen an die Studierenden zurückzumelden. Bedeutsam ist es, dass der Dozent hierfür eine entspannte Atmosphäre schafft, ausreichend Zeit einplant, einen Überblick über die Reihenfolge der Feedbacks bereitstellt und den Studierenden Gelegenheiten für Anmerkungen und Fragen einräumt.In ihrem Fazit resümieren die Verfasser, dass das vorgestellte Modell die didaktischen Funktionen in den Mittelpunkt rückt und gleichzeitig eine erweiterte Perspektive einnimmt, indem Prüfungen als Teil des Lernprozesses wahrgenommen und entsprechend gestaltet werden. Wenngleich MÜLLER und SCHMIDT in ihren Beschreibungen vage bleiben und primär bereits in der Literatur verbreitete Ratschläge zitieren, ist ihnen zuzustimmen, wenn sie in ihrem Fazit hervorheben, dass der Einbezug der Lernenden in die Gestaltung und Auswertung von Prüfungen eine zusätzliche Qualität von Prüfungen erzeugen kann. Gleichermassen ist ihnen beizupflichten, dass der Einsatz entsprechender Arrangements auf eine veränderte Sicht auf die Prüf- und Lernkultur angewiesen ist.