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Pellert, Ada (1995)

Die Besonderheiten der Organisation Universität und ihrer Veränderungsprozesse

In Pellert, Ada; Welan, Manfried (Hrsg.), Die formierte Anarchie. Die Herausforderung der Universitätsorganisation, Seiten 81–112

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Review by: Schönwald, Ingrid (2004-10-05)

Ada Pellert beschreibt in diesem Buchbeitrag die organisatorischen Merkmale sowie das Veränderungspotential von Hochschulen auf der Basis der Higher Education Forschung.

Zunächst geht Pellert auf die organisatorischen Besonderheiten von Hochschulen ein: Für den universitären Aktivitätsschwerpunkt – die Produktion von und der Umgang mit Wissen – ist eine grosse Bandbreite an Spezialgebieten kennzeichnend. Dabei besteht eine geringe gegenseitige Abhängigkeit zwischen den einzelnen Fakultäten als Organisationseinheiten, was eine spezifische Form der Arbeitsteilung und eine Fragmentierung der Gesamtorganisation bewirkt. Die Produkte der Organisation aus Lehre und Forschung lassen sich aufgrund der begrenzten Marktfähigkeit von Wissen als Gut nur schwer erfassen und qualitativ beurteilen. Die Ziele von Universitäten haben vagen und widersprüchlichen Charakter und erschweren damit eine Ableitung von konkretem Entscheidungsverhalten. Im Vergleich zum unternehmerischen Ziel der Gewinnmaximierung gibt es kein eindeutig quantifizierbares und messbares Ziel, an dem man die Qualität einer Universität messen kann. Als „Währung“ des akademischen Bereiches gilt die wissenschaftliche Reputation innerhalb der disziplinspezifischen Peergroup. Der zunehmende Rechtfertigungsdruck, mit dem Hochschulen konfrontiert werden, kann als Ausdruck eines geringeren Vertrauens in diese internen Qualitätssicherungsprozesse der Universität gesehen werden.

Die Struktur der Hochschule wird durch vier Ebenen geprägt: die zentrale (ministeriale) Autorität, die einzelne Universität, Institut und Fakultät als Teileinheiten und die Lehrenden als Individuen. Hinsichtlich der Autoritätsverteilung auf diese Ebenen sind europäische Hochschulen durch eine starke bürokratische Spitze, eine starke unterster Ebene (Lehrstühle) und eine schwache mittlere Ebene gekennzeichnet. Zwischen dem wissenschaftlichen und dem administrativen Bereich bestehen in einer Expertenorganisation aufgrund unterschiedlicher Wertesysteme traditionell Spannungen. Die Ernennung von akademischen Funktionären von unten sichert eine enge Verbindung zwischen dem operativen und dem strategischen Bereich Die kurzen Amtsperioden und die Unklarheit über die Ziel-Mittel-Beziehungen fördert jedoch ein amateurhaftes Entscheidungsverhalten. Die Universität wird daher zunehmend mit dem betriebswirtschaftlichen Modell professionellen Managements konfrontiert, das eine Stärkung der Leitungsgremien und eine Umwandlung der demokratischen Hochschulgremien zu Beratungsfunktionen zur Folge hat. Dies erfordert jedoch eine höhere Autonomie der Hochschulen, die mit der Autonomie der Institute kollidieren wird. Kultur bildet ein wichtiges Element in akademischen Systemen, da Traditionen, Überzeugungen, Ideen, Normen und Symbolisches einen hohen Stellenwert haben. Pellert stellt die Herausbildung und Ausprägung kultureller Identitäten und Differenzen auf individuellen, disziplinspezifischen und institutionellen Ebene differenziert dar.

Auf der Basis dieser organisatorischen Analyse werden die Einflussfaktoren und Kennzeichen von Veränderungsprozessen auf der Ebene der Wissensproduktion, den strukturellen Ebenen und der kulturellen Dimension dargestellt. Pellert sieht entgegen der herkömmlichen Meinung Wandel als ein Kerncharakteristikum der Hochschulen. Lehre und Forschung werden ständig angepasst, dieser Wandel erfolgt aufgrund der dezentralen Aufgaben und Entscheidungsgewalten jedoch schrittweise und lokal, während revolutionäre institutionelle Veränderungen selten sind. Der Übergang von einem System der staatlichen Kontrolle und Verwaltung hin zu einem System der staatlichen Aufsicht und grösserer Autonomie der Universitäten würde starke Veränderungsimpulse freisetzten. Notwendig dafür wären jedoch eine veränderte Rollenwahrnehmung der staatlich-administrativen Ebene und die Etablierung alternativer Karrierepfade als Hochschulmanager. Veränderungsprozesse auf institutioneller Ebene können durch individuelle Persönlichkeiten, die ihre persönliche Autorität in den kollegialen und politischen Prozessen einsetzen gefördert werden. Veränderungen der formalen Strukturen misst die Autorin dagegen nur geringe Einflüsse auf die wichtigen informellen Netzwerke zu. Ursachen, Funktionen und Ausprägungen von Widerstand gegen Änderungsprozesse werden dargestellt und Prinzipien für die Reduzierung von Widerstand erkundet.

Der gut lesbare Artikel bietet Praktikern und Forschern interessante Einblicke in die Herausforderungen und Gestaltungsfelder von Veränderungsprozesse an Hochschulen auf der Basis einer Literaturanalyse der Higher Education Forschung. Er bietet keine Rezepte sondern inspiriert zur Reflexion und Diskussion.