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Schädler, Ute (1999)

Das Innovationspotential der Hochschulen. Chancen und Risiken der Umsetzung von Innovationen in der Lehre an deutschen Hochschulen

Frankfurt: Lang

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Keywords: Change Management in Higher Education

Review by: Schönwald, Ingrid (2004-07-26)

Viele Autoren sehen in den neuen Medien grosse Chancen zur Erneuerung der traditionellen Hochschullehre. Zunehmend wird jedoch bezweifelt, ob aufgrund der strukturellen Rahmenbedingungen an Hochschulen dieses Innovationspotential zur Entfaltung kommen wird. Die Dissertation von Schädler untersucht das Innovationspotential deutscher Hochschulen vor dem theoretischen Hintergrund der Neuen Institutionenökonomie und des Innovationsmanagements.

Zunächst geht die Autorin auf den Innovationsbegriff ein. Sie beleuchtet die Besonderheiten von Innovationen in der Hochschullehre anhand der Merkmale Neuheit, Unsicherheit und Risiko, Komplexität, Konflikthaftigkeit und relativer Vorteil. Mit Hilfe der Unterscheidung von Handlungsebenen (Lernsituation, Lehrveranstaltung, Teilcurriculum, Studiengänge und Studienorganisation, sowie Rahmenbedingungen und Strukturen des Hochschulsystems) zeigt Schädler das breite Gestaltungsspektrum von Innovationen der Lehre auf und legt den Fokus der Arbeit auf die ersten drei Ebenen.

Der Hauptteil der Arbeit bildet die Analyse der institutionellen, strukturellen und interaktionellen Bedingungen an Hochschule als Einflussfaktoren auf das innovative Verhalten der Akteure mit Hilfe der Neuen Institutionenökonomie, des Innovationsmanagements und einer eigenen empirischen Untersuchung.

Vertragsbeziehungen, die Anreiz- und Kontrollsignale setzen, um die individuellen Präferenzen zu beeinflussen, sind nach der Neuen Institutionenökonomie notwendige Voraussetzungen für die breite Umsetzung von Innovationen in der Lehre. Aufgrund der kostenlosen Bereitstellung der Hochschulausbildung sind solche Vertragsbeziehungen an deutschen Hochschulen jedoch nur eingeschränkt vorhanden bzw. wirksam. Die Autorin erörtert daher, ob die Einführung von Studiengebühren die Entwicklung von Vertragsbeziehungen fördern und damit als Katalysator für Innovationsprozesse an Hochschulen wirken würde. Einschränkend gibt die Autorin jedoch zu bedenken, dass die Kultur und Sozialisation der Mitglieder an Hochschulen wichtige Einflussfaktoren auf die Diffusion von Innovationen sind, die nur unzureichend durch die Reduktion auf individuelle Nutzen- und Vertragskalküle im Rahmen der institutionenökonomischen Betrachtung berücksichtigt werden.

Als zweiten theoretischen Ansatz für Innovationsprozesse an Hochschulen betrachtet Schädler das Innovationsmanagement, um verschiedene Einflussfaktoren der Umsetzung von Innovationen aufzuzeigen. Dabei steht die Analyse und Erklärung von Einflussfaktoren auf Innovationen in der Hochschullehre im Vordergrund der Betrachtung, weniger die Formulierung von Gestaltungsmöglichkeiten oder Gestaltungsempfehlungen. Auf der Basis des Bezugsrahmens für betriebliches Innovationsmanagement von Thom werden die Gestaltungsvariablen Unternehmenskultur, Ziel- und Strategiesystem, Anreizsystem, Führungsstil und Organisationsstruktur beleuchtet. Die Grenzen der Übertragbarkeit des Innovationsmanagements auf Hochschulen sieht Schädler jedoch im Gegensatz zwischen dem bürokratischen Organisationsverständniss, das dem Innovationsmanagement zugrunde liegt, und dem universitären Organisationscharakter der lose gekoppelten Systeme. Eine zweite Einschränkung der Übertragbarkeit des Innovationsmanagements auf Hochschulen sieht die Autorin im Zielpluralismus von Hochschulen, der eine methodisch fundierte Effizienzbetrachtung erschwert. Als wichtigen Aspekt im Innovationsmanagement betrachtet Schädler die Charakterisierung und Ursachen von Widerständen gegen Innovationen an Hochschulen, und diskutiert das Promotorenmodell von Witte als Ansatzpunkt zur Überwindung von Widerständen.

Auf der Basis der theoretischen Betrachtung stellt die Autorin eine empirische qualitative Untersuchung zur Perspektive der Hochschullehrenden des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften an vier Universitäten dar. Als Ergebnis dieser Studie identifiziert sie vier Innovationshürden an Hochschulen, welche die vorangegangenen Befunde aus der theoretischen Analyse bestätigen und ergänzen: die Autonomie der Hochschullehrenden, das Prinzip der Gleichverteilung, die Interaktion mit den Studierenden und die fehlenden Anreize zu Veränderungen.

Als Haupterkenntnis ihrer Untersuchung über das Innovationspotential von Hochschulen stellt Schädler die zentrale Bedeutung der Unterscheidung in das hohe Innovationspotential der einzelnen Hochschullehrenden und das geringe systemische Innovationspotential der Hochschulen heraus. Dieser Gegensatz ist auf die organisatorischen Charakteristika an deutschen Hochschulen zurückzuführen: Die hohe Autonomie der Lehrenden aufgrund der Freiheit von Lehre und Forschung legt die Durchführung der Lehre in die individuelle Verantwortung der einzelnen Lehrenden. Damit bietet sich den einzelnen Lehrenden die Möglichkeit, Innovationen ohne Koordinationszwang zu testen, die geringe Interaktion unter Lehrenden schafft jedoch auch eine minimale Kontrolle und Transparenz in der Aufgabenerfüllung. Die Kultur der Gleichheit und Gleichverteilung sowie die Zielpluralität an Hochschulen verhindert die Einführung eines motivierendes Anreizsystem für die Verbesserung der Lehre. Aufgrund der Selbstverwaltungsstruktur, die eine dezentralisierte Aufgaben- und Machtverteilung begründet, fehlt eine Leitungsebene mit genügend Macht, um Veränderungsprozesse auf Fachbereichs- oder Hochschulebene zu initiieren und umzusetzen.

Damit bietet diese Publikation interessante, theoretisch fundierte Erkenntnisse bezüglich der Diffusion von Innovationen an Hochschulen. Die daraus resultierende skeptische Beurteilung des Innovationspotentials an deutschen Hochschulen legt nahe, das eLearning ohne tiefgreifende Veränderungen in der Hochschulstruktur kaum zu umfassenden Verbesserung der Hochschullehre führen wird.