Overwien, Bernd (2002)
Informelles Lernen und Erfahrungslernen in der internationalen Diskussion: Begriffsbestimmungen, Debatten und Forschungsansätze
In Rohs, Matthias (Hrsg.), Arbeitsprozessintegriertes Lernen. Neue Ansätze für die berufliche Bildung, Seiten 1–16
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Review by: Seufert, Sabine (2006-04-10)
Hintergrund und historische Entwicklung des Begriffs "Informelles Lernen"
Ursprünglich stammt die Begriffskategorie des informellen Lernens aus der entwicklungspolitischen Debatte. Meist aus mangelnden Ressourcen wird in der "Dritten Welt" verbreitet informell gelernt. Im Unesco-Bericht über Ziele und Zukunft unserer Erziehungsprogramme, dem sog. Faure-Report von 1972 wird geschätzt, dass informelles Lernen ca. 70% des menschlichen Lernens umfasst. In den USA werden insbes. durch die Forschergruppe um Lave und Wenger (1991) die Arbeiten über informelles Lernen in Beziehung gebracht, woraus eine Debatte über die Gestaltung von Lernumgebungen entstand.
Definitionen von informellem Lernen
Der Begriff wird nur unpräzise definiert und verwendet. Die meisten Definitionen setzen an der Organisationsform des Lernens an. Im deutschsprachigen Raum inzwischen folgende Unterscheidung sehr verbreitet:- formales Lernen entspricht institutionell geprägtes, planmässig strukturiertes Lernen mit anerkannten Zertifikaten,- nicht-formales bzw. nonformales Lernen führt dahingegen nicht zu anerkannten Abschlüssen und Zertifikaten,- informelles Lernen bezeichnet Lernen ausserhalb formaler Institutionen, das ungeregelt im Lebenszusammenhang stattfindet.
Vorschläge für eine Präzisierung des Begriffs:
3 Entwicklungslinien werden für eine Präzisierung der Begriffskategorie vorgeschlagen:- organisationale Abgrenzung: Begriff des informellen Lernens kennzeichnet ein Kontinuum zwischen bewusst stelbstgesteuertem und ausseninduziertem Lernen ausserhalb schulischer oder nonformaler Bildungsangebote. Anregende Lernumgebungen und/ oder die Stärkung der Fähigkeit zur Selbststeuerung können informelles Lernen unterstützen- Institutionale Lernangebote sind formal, wohingegen die Nachfrage dem informellen Lernen zugeordnet werden kann, d. h. die Initiative liegt beim Individuum beim informellen Lernen. Der Vorteil ist dabei, dass auch implizites (beiläufiges, inzidentelles) Lernen integriert ist.- neben Organisationsformen können auch die Lernarten betrachtet werden: das Erfahrungslernen kann nach Dehnbostel (2000) mit implizitem Lernen zu informellen Lernen verknüpft werden. Somit wird implizites Lernen im betrieblichen Kontext sichtbar gemacht und ergänzt "traditionelle" Lernformen.
Untersuchungen zum informellen Lernen:
- Untersuchung von Marsick & Watkins, 1990: ihnen ist wichtig, dass am Arbeitsplatz lernende Menschen ein "problem framing" betreiben, gegenwärtige Probleme werden über die erneute Interpretation vorhergehender Erfahrungen in einem problembestimmten Rahmen bearbeitet, betonen neben den individuellen Anteilen des Lernens auch stärker die der Lernumgebung, des Kontextes- informelles Lernen in Lernprojekte: in Grossbritannien grossangelegte Studie von 150 befragten Architekten, Maschinenbauingenieuren, Krankenschwestern, Sozailarbeitern, Anwälten und Ärzten (Tough 1971). Die häufigsten Quellen für informelles Lernen sind demnach neben Büchern und Zeitschriften die Kollegen am Arbeits-platz und Gründe für informelles Lernen v.a. die Forderung von aussen sowie berufliche Veränderung.- umfangreichste Studie von Livingstone (2001): im Zusammenhang mit Ansätzen für lebensbegleitendes Lernen, in ihrer Erhebung (1562 Antworten, 60% Antwortquote) gaben die Befragten an, dass mit zunehmendem Alter die Kollegen als Hauptquelle der beruflichen Kenntnisse abnehmen und dafür die selbständigen Bemühungen zunehmen. Im Schnitt beträgt das informelle Lernen 15 Std. pro Woche.
Informelles Lernen in "lernenden Organisationen"
Dabei steht der betriebswirtschaftliche Fokus im Vordergrund, ökonomisches Kosten-Nutzen-Denken, das auch kritisch betrachtet werden kann. Informelles Lernen stellt dabei ein "heimlicher Lehrplan" dar. Der Blick ist auf die Nützlichkeit des Lernens für Produktion und Dienstleistung ausgerichtet und nicht auf den Nutzen für die lernende Person. Allerdings bedingt eine lernende Organisation auch eine offene Diskussionskultur, was bedeutet, dass sich die Mitarbeiter/innen stärker einbringen können und was ihre Arbeitszufriedenheit erhöht.
Der Beitrag gibt insgesamt einen fundierten Überblick über die Entstehungsweise und Facetten der Begriffskategorie des informellen Lernens. Darüber hinaus wird durch die Skizzierung wesentlicher Untersuchungen deut-lich, dass die Vorgehensweise in diesem Forschungsfeld sehr heterogen ist und aus unterschiedlichen Perspektiven vorgenommen wird, was sicherlich positiv gewertet werden kann. Allerdings hebt der Autor auch hervor, dass die uneinheitliche Verwendung des Begriffs den Vergleich der Forschungsergebnisse enorm beeinträchtigt. Insbesondere Unklarheit bleibt nach dem Lesen des Beitrages, inwieweit informelles Lernen mit Erfahrungsler-nen und selbstgesteuertem Lernen gleich gesetzt werden kann oder nicht. Die Debatten darüber scheinen noch nicht abgeschlossen zu sein.