Forneck, Hermann J.; Robak, Steffi; Wrana, Daniel (2001)
Professionalisierung in und mit komplexen multimedialen Lernarchitekturen
Hessische Blätter für Volksbildung, Vol. 4, No. 51, pp. 330–341
Review by: Keller, Martin (2004-09-02)
Ausgangslage dieser Studie bildet die Feststellung, dass im Bereich der Erwachsenen- und Weiterbildung die Zugänge zur Profession zu einem erheblichen Teil nicht über standardisierte Zugangsvoraussetzungen, sondern über unterschiedliche Penetrationsstrategien verschiedenster Professionen verlaufen. Schulungskonzepte für Kursleiter/-innen sollen Qualifikationen dahingehend vermitteln, dass sich die praktisch vorhandene Performanz zu einer Kompetenz entwickelt. Zu Recht wird die Frage aufgeworfen, wie aber eine Professionalisierung denkbar ist, wenn sich die Praxis des Lernens von einer Wissensvermittlungskultur zu einer selbstgesteuerten Lernkultur transformiert, die Vermittlung als gesellschaftlich vorherrschende Form des Wissenstransfers aber selbst überholt wird und die „Weiterbildung“ als solche in Frage stellt.
Das vorgestellte Qualifizierungs- und Fortbildungskonzept QINEB soll in verschiedener Hinsicht auf die oben beschriebenen gesellschaftlichen Entwicklungen reagieren, wobei neuen Angebotsformen wie Selbstlernzentren, multimedialen bzw. netzgestützten Selbstlernarchitekturen sowie der Weiterbildungs- und Lernberatung eine besondere Bedeutung zukommt. Empirische Studien zeigen allerdings, dass Strategien des selbstgesteuerten Lernens beim Klientel nicht per se vorausgesetzt werden können und eine Reduktion der externen Steuerung nicht automatisch zur Selbststeuerung führt. Die Befähigung zur professionellen Planung, Gestaltung und Implementation selbstgesteuerten Lernens fordert ein Professionsverständnis, in dem Kursleiter/innen sich eher über eine Entwicklungs- und Beraterrolle definieren, ohne auf die Wissensbereitstellung zu verzichten. Diese anvisierte Ausdehnung selbstgesteuerter Lernprozesse strebt eine grundlegende Transformation der bisherigen Professionskultur von Kursleiter/innen an. Dabei wird deutlich, dass professionelles Handeln der Kursleiter/innen in der Weiterbildung nicht überflüssig, sondern anspruchvoller wird.
Das als mehrstufige Entwicklung angelegte Fortbildungskonzept QINEB umfasst neben einem Eingangs- und Schlussassessment vier Präsenzphasen, verbunden durch dazwischen geschaltete Selbststudienphasen in einer netzbasierten Lernumgebung. Dabei werden bewusst verschiedene Elemente miteinander verzahnt, so dass weitere Synergien entstehen. Die QINEB-Fortbildung ist bspw. für die gemeinsame Teilnahme von Diplomstudierenden und Kursleiter/innen konzipiert, um die unterschiedlichen Erfahrungsfelder, Kulturen, Fachbereiche etc. synergetisch zu nutzen und didaktisch aufzunehmen. Weitere Elemente sind die Verbindung von bewusst geplanten Präsenz- und Selbststudienphasen, das Angebot eines externen Coachings im Sinne eines unterstützenden Problemlöseinstrumentariums, die Entwicklung und Durchführung eines Praxisprojektes in Projekttandems, wobei jeweils Diplomstudierende mit Kursleiter/innen gemeinsam ein Team bilden, sowie die Bereitstellung eines Netzwerks zur Implementation des selbstgesteuerten Lernens (NIL).
Der Artikel vermittelt einen guten ersten Überblick über das konzipierte Fortbildungs- und Qualifizierungsprogramm, welches seinen ersten Durchlauf im Februar 2000 hatte. Welche Erfahrungen die Forschergruppe bei der Implementation und Durchführung gemacht hat, wird allerdings nicht thematisiert.