Meyer, Torsten; Scheibel, Michael; Münte-Goussar, Stephan; Timo, Meisel; Schawe, Julia (2008)
Bildung im Neuen Medium – Wissensformation und digitale Infrastruktur
(1. Aufl.) Münster: Waxmann
Review by: Schaffert, Sandra (2008-05-05)
Mal anders: Bildung im Netz aus Sicht von Bildungstheorie und Kunstwissenschaft
Viele der Autor(inn)en, die zu webbasierten Bildungs- und Lernformen veröffentlichen, stammen aus dem Bereich der eher quantitativ orientierten Erziehungswissenschaft, der Didaktik, der Informatik oder der pädagogischen Psychologie. Das vorliegende Buch mit Beiträgen von Kunsthistorikern, Bildungstheoretikern, Kulturwissenschaftlern packt das (scheinbar) vertraute Thema „Bildung im/mit dem Web“ da überraschend anders an. Es macht neugierig, wenn einleitend festgestellt wird: „Trotz aller pragmatischer Hektik um ‚eLearning’, ‚Wissensmanagement’, ‚Schulen ans Netz’, ‚Virtueller Hochschule’ usw. scheinen sowohl die Institutionen als auch die Theorie der Bildung des Menschen substanziell noch recht unberührt von den nun schon seit mehr als 15 Jahren ‚Neuen Medien’.“ (S. 13).
Was auch gleich auffällt: Es ist ein schönes Buch, mit ausgefallen gestaltetem Innenleben.
Hintergrund & Konzept
„Die Frage nach ‚Bildung im Neuen Medium’ zielt auf eine andere Ebene der Auseinandersetzung als die Frage nach ‚Neuen Medien in der Bildung’“ (S. 13) stellt Torsten Meyer in der Einleitung des Buchs fest. Auf insgesamt 400 Seiten haben die Herausgeber des Bandes – Torsten Meyer, Michael Scheibel, Stephan Münte-Goussar, Timo Meisel und Julia Schawe – Artikel von 17 Autor(inn)en sowie Kurzvorstellungen von neun Projekten zusammengetragen. Alle Beiträge sind jeweils auf Deutsch und in einer kleineren Schriftgröße auf Englisch enthalten. Das Buch basiert auf einem Symposium zum Thema „Bildung im Neuen Medium“ im November 2006 an der Universität Hamburg und stellt damit dessen Dokumentation dar.
Zum Inhalt
Dem kurzen Vorwort der Herausgeber(innen) folgt eine Einleitung zur „Bildung im Neuen Medium“ von Torsten Meyer in der er u. a. die „visuelle Leitung“, die den Artikeln zugeordneten Grafiken, erklärt. Im Anschluss werden zu den Begriffen Wissen, Innovation, Institutionen und Bildung kurze Statements der Herausgeber(innen) gedruckt, die einen Einblick in den aktuellen Diskurs geben sollen.
Markus Krajewski beschreibt die „Genealogie der Produktion von beweglichen (Wissens-)Ordnungen“ (S. 49), den Wandel von Karteisystemen im Beitrag „Der Famulant. Gelahrte Kasten 1548 – 2006“. Warum „triadisches Denken“ in einer Gesellschaft und Kultur voll (angeblich) binärer Entscheidungscharakteristika (wahr-falsch, ja-nein) nur schwer Fuß fassen kann, klärt Michael Giesecke („Triadisches Denken und posttypographische Erkenntnistheorie“). Frank Hartmann weist „Zwischen Kultur und Technik“ auf den „mediologischen Ansatz“ hin. Monika Fleischmann und Wolfgang Strauss fordern und konzipieren „Kulturelle Grundlagenforschung im Medienzeitalter: Von der Information zum Wissensraum“. Elke Bippus bringt sich mit „Überlegungen zur künstlerischen Wissenbildung im Medium“ ein; „Mediale (Eigen-)Sinnigkeiten“. Trebor Scholz zeigt auf, dass sich die „New Media Art Education“ u. a. durch die Herausforderung der Spannungen zwischen kulturtheoretischen und technischen Ausrichtung der Ausbildung in einer Krise befindet. „Collaborative Intelligence / Communities of Projects“ stehen im Fokus des Beitrags von Manfred Faßler, der die Gemeinschaft „im Zentrum zeitgenössischer Mediennutzung“ sieht. Wie sich diese Communitiess wiederum im Web 2.0 und seinen Anwendungen (Wikis, Weblogs) organisieren und entwickeln, beschreiben Benjamin Jörissen und Winfried Marotzki und schließen mit dem Fazit: „das Web 2.0 als integrierter, „syndikativer“ Partizipationsraum“ (S. 161). Oliver Marchart beschäftigt sich aus der Perspektive der politischen Theorie mit der Frage nach Bildung im neuen Medium: „Bildungs-Apparturen. Hegemonie, Protest und die pädagogische Funktion medialer Apparate“. Stephan Münte-Goussar thematisiert die Freiheit des Lerners im Internet und die Widersprüchlichkeit des Bildungsziels des selbstbestimmten Subjekts („Selber machen. Regierungstechnologien der Freiheit“). Werner Sesink nutzt die Metapher der Wüste für den „Raum der informatischen Konstruktion“ (S. 203) und beschreibt wie die nur scheinbare Lebensfeindlichkeit geradezu notwendig für die Möglichkeiten der Bildung ist. Unter dem Titel „Vermittlungsraum Medienraum“ schreibt Michael Scheibel über „die komplexen Korrelationen zwischen der kommunikationstechnologischen Entwicklung, der Organisation des Raums und der Ausformung des Lernraums im Informationszeitalter“ (S. 217). Remo Aslak Burkhard beschreibt schließlich die Architektur des universitären Bildungsraums „Science City“ der ETH Zürich, die auch die Schaffung eines digitalen Bildungsraums beinhaltet.
Schließlich werden noch jeweils mit wenigen Sätzen und Abbildungen die folgenden Projekte und Entwicklungen vorgestellt: ask23 (ArchivSystemKunst), eMargo (digitale Randspalte und interaktives Skript), study.log (Knowledge Construction Tool), netzspannung.org (Wissensraum für digitale Kultur), Business Knowledge Visualisation, CommSy (ein Community-System), metacoon (projektbasierte Online-Lernplattform), stray.net (Personal Knowledge Framework) sowie Vis/Space (Imagespace).
Empfehlenswert!
Der kritisch-distanzierte Blick auf das Geschehen rund um „Bildung und Lernen im Netz“ ist an vielen Stellen des Buches erfrischend „anders“: Beispielsweise, wenn Eingangs die „Behältermetaphorik“ des Internets thematisiert wird: „das Internet muss ja eine Art Behälter sein, wenn etwas oder jemand da ‚drin’ sein kann“ (S. 16) und festgestellt wird dass man im anglo-amerikanischen Sprachraum eben nicht „ins Netz“ sondern „auf das Netz“ (nicht „into“, aber „on the Web“) geht.
Diese (für mich) „Andersartigkeit“ des Buchs bleibt mir allerdings zum Teil auch fremd:
- An manchen Stellen würde ich mir direkte Bezüge zu der „herkömmlichen“ E-Learning-Literatur und Web-2.0-Protagonisten wünschen, zum Beispiel in Krajewskis Beitrag eine Referenz zu David Weinbergers „Everything is Miscellaneous“.
- Nicht zuletzt wegen der Kritik am herkömmlichen eher pragmatischen, undifferenzierten E-Learning-Diskurs fällt eine eigentümliche Anbiederung an das Web auf: Den Beiträgen werden „Tags“ hinzugefügt. Im Netz ermöglichen „Tags“ das individuelle und kollaborative „Bekleben“ von Websites und Webpages mit passenden Begriffen, ohne dass dabei auf ein spezifisches Kategorien- oder Verzeichnissystem zurückgegriffen werden muss. Im Buch sind und bleiben sie Schlüsselwörter, sofern es sich dabei nur um Druckerzeugnis handelt.
- Dann auch: Warum alle Beiträge in zwei Sprachen geschrieben wurden, habe ich, da es wohl nicht zum Fremsprachenlernen gedacht ist, nicht verstanden. Mir würde es in einer der Sprachen reichen, zumal das Buch dann auch nur halb so umfangreich wäre.
Zusammengefasst: Das Buch ist eine gelungene Initiative für einen anderen Blick auf die Bildung im Web und enthält viele alternative interessante Vorgehens- und Betrachtungsweisen. Eine Rezeption und Weiterentwicklung durch die E-Learning-Community ist zu wünschen, ebenso eine Ausarbeitung und Weiterentwicklung der Gedanken, Thesen, Diskussionen. Der Kauf und das Studium des Buchs sind zu empfehlen!