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Miller, Damian (2006)

E-Learning. Eine multiperspektivische Standortbestimmung

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Review by: Reinmann, Gabi (2006-05-10)

„Wir warnen ... vor der Vorstellung, dass Lernen mit einer Online-Plattform leichter wird. Es wird in erster Linie interessanter und intensiver. Lernen an sich und der Verzicht auf Freizeit wird den meisten immer noch gleich schwer fallen: Disziplin und kritische Selbsteinschätzung bleiben deshalb nach wie vor ausschlaggebend für erfolgreiches Lernen“. Dies sind keineswegs die Worte eines Professors mit erhobenem Zeigefinger, sondern die Folgerungen zweier Studierender der Universität Bern, die erste Erfahrungen mit E-Learning gemacht haben. Solche und andere, positive wie negative, Erfahrungen bilden einen von drei Teilen des Buches „E-Learning. Eine multiperspektivische Standortbestimmung“. Dass in dieser – wenn auch vergleichsweise knappen – Form Lernende zu Wort kommen, die den Fluch oder Segen der neuen Medien im Hochschulalltag direkt abbekommen, ist eine der Besonderheiten dieses Sammelbands, der von Damian Miller zusammengestellt wurde. Ich selbst habe das Buch mit diesem letzten (leider kürzesten) Teil begonnen, weil er mich neugierig machte: Wie reagieren Studierende an anderen Universitäten (als der eigenen), wenn E-Learning mehr oder weniger Einzug in den alltäglichen Lehrbetrieb hält? Wo treffen sich Erwartungen und wo gehen sie auseinander? Was steckt hinter den so wenig aussagekräftigen hohen oder niedrigen Akzeptanzwerten? Natürlich handelt es sich bei den studentischen Beiträgen nicht um völlig freie und spontane Äußerungen – das ist mit dem Modus des klassischen Publizierens nun einmal schlecht vereinbar. Doch das Meinungsbild wirkt ausgewogen, sodass man, so meine ich, mit den insgesamt acht (bzw. neun, wenn einen weiteren studentischen Beitrag dazuzählt, der sich in Teil II verirrt hat) vorrangig aus Schweizer Hochschulen stammenden Stimmungsbildern einen interessanten Einblick in das „E-Learning-Erleben“ von Studierenden gewinnen kann.

Der zweite Teil (ich bleibe also dabei, das Pferd sozusagen von hinten aufzuzäumen) beschäftigt sich mit konkreten E-Learning-Anwendungen, wobei der erste, auf ökonomische Fragen abzielende, Beitrag dieser Kategorie wohl besser zu den Grundlagen gepasst hätte. Hier erhält der Leser/die Leserin gute Einblicke in E-Learning-gestützte Change Management-Prozesse der Universität St. Gallen, in die E-Learning-Strategie der ETH Zürich, in konkrete E-Learning-Projekte der Universität Zürich sowie in E-Learning-Aktivitäten im Rahmen des (reformierten) Medizinstudiums an der Universität Basel. In fast allen Beispielen wird deutlich, dass derzeit besonders niederschwellige Angebote im Fokus des Interesses stehen. Dass aber „niederschwellig“ ein relativer Begriff und in verschiedenen Ländern dieser Erde keineswegs die gleiche Bedeutung haben müssen, zeigt eindrucksvoll der Beitrag von Hans Peter Rohr, in dem er schildert, mit welchen Irrungen und Wirrungen die Einführung von E-Learning an der National University of Laos verbunden ist: Sprachliche, technische und kulturelle Barrieren, so macht Rohr klar, erweisen sich als große Hindernisse in wohl gemeinten, aber oft schlecht durchdachten Aktionen, die mit Wissens- oder Technologietransfer umschrieben werden. Neben solchen Informationen können einem Beiträge dieser Art auch die Augen dafür öffnen, wie wichtig es ist, sich in Zeiten knapper Ressourcen beim E-Learning auf das Wesentliche und Nachhaltige zu konzentrieren.

Als „Grundlagen“ wird der erste Teil von Millers Band bezeichnet, der verschiedene disziplinäre und fachspezifische Perspektiven auf das Lernen und Lehren mit neuen Medien versammelt. Erfahrene Leser/innen treffen hier auf eher bekannte psychologische und didaktische Fragen des E-Learning (z. B. in den Beiträgen von Hans Geser, Nicola Döring, Franziska Fellenberg und Michael Kerres) sowie auf gesellschaftliche und politische Aspekte der E-Learning-Debatte (z. B. im Beitragen von Ernst Buschor), die nun schon seit mehreren Jahren diskutiert werden. Tatsächlich neue Perspektiven bringt das Buch mit Beiträgen aus der Philosophie (von Thomas Buchheim), der Medientheorie (von Jürgen Oelkers) und der Neuropsychologie (von Lutz Jäncke), denn: Klassische Bildungsziele, historisch relevante Medienereignisse und -entwicklungen wie auch hirnphysiologische Gegebenheiten werden zwar immer mal wieder gestreift, sind aber in den meisten Fällen nicht essentieller Bestandteil unserer Bemühungen, neue Medien zum Lernen und Lehren zu nutzen. Man muss ja Ängste wie die vor einer „Computerisierung geistiger Tätigkeiten ... als eine gefährliche Erosion der Bildung“ (Buchheim, S. 53) nicht teilen. Sich aber dann und wann mit philosophischem Hintergrund der Fragen nach dem Wozu des E-Learning zu stellen, könnte wohl so manche Entscheidung auf dem E-Learning-Sektor besser werden lassen. Der Blick über den eigenen fachlichen Tellerrand hat noch nie geschadet, doch dabei werden wir wohl nicht stehen bleiben können, denn: Eines zeigen die letzt genannten Beiträge auch – nämlich das Defizit eines echten interdisziplinären Austausches, bei dem wir mehr erreichen müssten als nur die jeweils andere Perspektive additiv hinzuziehen. Schließlich möchte ich noch auf den Beitrag von Dominik Petko und Kurt Reusser im ersten Teil des Bandes hinweisen: Unter der recht grundsätzlichen Fragestellung, wie interaktive Lernressourcen das Lernen fördern können, wird ein lesenswerter, umfassender und vor allem aktueller Überblick über das Lernpotenzial der neuen Medien und über Grundlagen der Gestaltung von E-Learning-Umgebungen gegeben.

Damian Miller selbst schließlich führt den Leser/die Leserin mit einer informativen Einleitung in und durch seinen insgesamt gelungenen Band, dessen Besonderheiten (Studentensicht und neue multidisziplinäre Perspektiven) man aus meiner Sicht durchaus noch mutiger hätte ausbauen können.