Messerschmidt, Rolf; Grebe, Regina (2005)
Informations- und Bildungstechnologien der vergangenen fünfzig Jahre
From ABWF – Arbeitsgemeinschaft Betriebliche Weiterbildungsforschung e. V.
Review by: Schönwald, Ingrid (2006-05-05)
Die von der von der ABWF in Auftrag gegebene und vom BMBF und ESF geförderten Untersuchung geht der Frage nach, welchen Effekt die computerbasierten Informations- und Bildungstechnologien für den faktischen Informationsgewinn und die Kompetenzentwicklung von Lernenden haben.
Die Studie gibt zunächst einen umfassenden Überblick über die Entwicklungen der computerbasierten Informations- und Bildungstechnologien der vergangenen fünfzig Jahre und veranschaulicht die gesamte Breite an Unterrichts- und Lernsystemen an ausgewählten Beispielen.
Die Autoren unterscheiden drei Phasen der technische Entwicklung moderner computerbasierter Informations- und Bildungstechnologien unterschieden, welche durch die Einführung computertechnischer Neuerungen eingeleitet und zugleich mit neuen lerntheoretisch-didaktischen Erwartungen verknüpft wurden:
- 1960er und 1970er Jahre: In der ersten Phase entwickelten sich aus dem Programmierten Unterricht mit Büchern, Lehrmaschinen und verschiedensten audiovisuellen Medien verschiedene Formen des computerunterstützten Unterrichts mit Großrechenanlagen sowie der rechnergestützten Unterrichtsteuerung und -kontrolle mit Minicomputern.
- 1980er Jahre: Die zweite Phase war geprägt von der Entwicklung von Lernprogrammen und Lernhilfen für den beruflichen und privaten Einsatz des Mikrocomputers und der entstehenden Anwendersoftware.
- seit den 1990er Jahren: In der dritten Phase wurden vor allem multimediale Elemente in die Lernsoftware integriert, sowie modulare nicht lineare Textstrukturen für das neue Speichermedium CD-ROM entwickelt. Schließlich entwickelte sich in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre mit dem Internet das netzbasierte Lernen.
Die Autoren unterscheiden auf der Basis einer historisch-systematisierenden Analyse zwischen kompetenzförderlichen und rein informationsvermittelnden Lernarrangements, und versuchen, vergangene und aktuelle Entwicklungstrends (Verteilung bei den Lernarrangements) bei der Nutzung computerbasierter Informations- und Bildungstechnologien zu gewichten. Aus den daraus gewonnenen Erkenntnissen formulieren die Autoren fünf provokante Thesen:
- These 1: Alle drei Entwicklungsphasen computerbasierter Bildungstechnologien sind gekennzeichnet durch eine anfängliche Euphorie über die vielfältigen und neuen Lehr- bzw. Lernmöglichkeiten und deren v. a. positive Effekte auf den Lehr-/Lernprozess und einer anschließenden heftigen Ernüchterung über die tatsächlich bestehenden Einschränkungen und Probleme bei der Realisierung im Unterrichts- und Lernalltag.
These 2: Die Weiterentwicklung moderner computerbasierter IKT erzeugt eine wachsende Informationsflut und sichert denen, die über die entsprechenden Zugänge verfügen, einen wachsenden Informationsgewinn.
These 3: Der technologische Fortschritt bei den Informations- und Kommunikationstechnologien hat zwar die Möglichkeiten des Informationsgewinns stetig erweitert, aber die Möglichkeiten der Kompetenzentwicklung von Individuen oder Gruppen nur marginal gefördert.
These 4: Kompetenzentwicklung erfordert einen aktiven Kompetenzlernprozess, der die selbstorganisatorischen Dispositionen sowohl erfordert als auch erhöht. Beim computerunterstützten Unterricht und auch beim computerbasierten Lernen werden Kompetenzen jedoch bereits vorausgesetzt.
These 5: Fortschritte in der Lerntheorie lassen sich nur bedingt auf neue Lernprogramme und Lernarrangements übertragen, weil sie sich teilweise als zu sperrig erweisen Mediendidaktische Modelle folgen hingegen eher dem technologischen Fortschritt und dessen neu geschaffenen Möglichkeiten.
Die Studie bietet einen guten Rückblick auf die vergangene Entwicklung und bietet mit den fünf Thesen wertvolle Reflexionsanregungen für die Gestaltung von kompetenzförderlichen technologiebasierten Lernarrangements.