Staudt, Erich; Kailer, Norbert; Kottmann, Marcus; Kriegesmann, Bernd; Meier, Andreas J.; Muschik, Claus; Stephan, Heidi; Ziegler, Arne (2002)
Kompetenzentwicklung und Innovation. Die Rolle der Kompetenz bei Organisations-, Unternehmens- und Regionalentwicklung
Waxmann
Review by: Kerres, Michael (2004-11-25)
Das deutsche Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat das Forschungs- und Entwicklungsprogramm „Lernkultur Kompetenzentwicklung“ (2001–2006) aufgelegt, das eine wesentliche Veränderung von Theorie und Praxis des betrieblichen Lernens initiieren soll. Diese Veränderung ist durch die bewusste Hinwendung zu dem Begriff „Kompetenzentwicklung“ charakterisiert, der als Alternative zu dem Begriff der „Weiterbildung“ positioniert wird und in Theorie und Praxis seit Ende der 1990er Jahre zunehmend Beachtung findet. Dies impliziert eine wesentliche inhaltliche Veränderung, die in dem Band auf fast 500 Seiten ausführlich und anschaulich erläutert wird. Im Mittelpunkt des Bandes steht die Auseinandersetzung mit dem Begriff und dem Konzept der Kompetenzentwicklung im Kontext von Innovation und betrieblichem Lernen. Die Autoren kommen aus dem Institut für angewandte Innovationsforschung bzw. dem Institut für Arbeitswissenschaft der Ruhr-Universität Bochum, das an verschiedenen Projekten des Förderprogramms beteiligt ist.
Nach einem theoretischen Einführungskapitel begründen Staudt & Kriegesmann in dem Kapitel „Weiterbildung: Ein Mythos zerbricht (nicht so leicht)!“ den Paradigmenwechsel von der traditionellen Weiterbildung zur Kompetenzentwicklung. Die Autoren gehen dabei auch auf die Kritik ein, die ihre früheren – teilweise provozierenden – Aussagen von dem geringen Nutzen von Weiterbildung hervorgerufen haben. Dabei wird deutlich, dass sie nicht „gegen“ Weiterbildung sind, sondern die üblichen Formen der Wissensvermittlung als eine nicht hinreichende Variante zur Sicherung und Entwicklung der erforderlichen Kompetenzen sehen. Weiterbildung ist eine mögliche, aber weder zwingende und oft auch nicht hinreichende Bedingung, um die Entwicklung von Kompetenz zu sichern. Und: Es kann in dieser Diskussion letztlich nicht um die Durchführung von Weiterbildung, sondern es muss um die Verfügbarkeit der im Anwendungsvollzug erforderlichen Fertigkeiten und Kenntnisse gehen. Nicht zuletzt unter dem zunehmenden Kostendruck rücken deswegen alternative Formen und Determinanten der Kompetenzentwicklung (wie z. B. informelles Lernen) in den Fokus der Weiterbildungsforschung und – praxis. Vor diesem Hintergrund werden in den weiteren Kapiteln Maßnahmen der Personalentwicklung hinsichtlich ihres Beitrags zur Kompetenzentwicklung strukturiert und untersucht. Dabei kommen insbesondere Bewertungsansätze aus der Personalentwicklung zur Sprache und Überlegungen für alternative Ansätze der Bewertung von Kompetenzentwicklung werden dargestellt.
Im Untertitel des Bandes wird auch ein Bezug zur „Regionalentwicklung“ hergestellt. Gemeint ist die Frage, wie Kompetenzentwicklung auf die Innovationsfähigkeit einer ganzen Wirtschaftsregion ausstrahlen kann. Allerdings ist hier ein gewisser Bruch erkennbar, da die Diskussion über Kompetenzentwicklung im Wesentlichen auf die Frage von Personal- und Organisationsentwicklung in Unternehmen angelegt ist. Der „Ausflug“ in die Regionalentwicklung bleibt in der Logik des Buches nicht ganz nachvollziehbar. Das Buch ist kein typischer Sammelband, in dem Beiträge von Autoren unterschiedlicher Herkunft zusammengestellt sind. Vielmehr stellt der gemeinsame Arbeitshintergrund der Autoren eine durchgehende konzeptionelle Bezugnahme der Beiträge sicher.
In der Reihe der Publikationen, die im Kontext des Förderprogramms „Lernkultur Kompetenzentwicklung“ entstanden sind, kommt diesem Band eine besondere Bedeutung zu. Er liefert eine pointierte, theoretisch fundierte und systematisch durchgearbeitete, angemessen ausführliche Darstellung der zentralen Punkte der aktuellen Diskussion. Die Beiträge der Autoren verweisen auf praktische Beispiele und Fälle, die die Argumentation illustrieren und die Praxisrelevanz des Konzeptes verständlich machen.
Eher wenig Bezug wird hergestellt zu den Projekten, die im Rahmen des BMBF-Förderprogramms selbst durchgeführt worden sind. Es ist insofern auch schwierig abzuschätzen, inwiefern der geforderte Wandel bereits durch entsprechende Projekte tatsächlich befördert werden kann bzw. befördert worden ist. Hierfür wird man auf andere Publikationen des Projektträgers QUEM zurückgreifen müssen.