Etzel, Stefan; Küppers, Anja (2003)
Kompetenzmessung in multimedialen Szenarien: pro facts – „Assessment Center am PC“
In Erpenbeck, John; von Rosenstiel, Lutz (Hrsg.), Handbuch der Kompetenzmessung. Erkennen, verstehen und bewerten von Kompetenzen in der betrieblichen, pädagogischen und psychologischen Praxis, Seiten 283–297
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Review by: Keller, Martin (2004-11-16)
Bei dem von der Fachgruppe für Differentielle Psychologie und Psychologische Diagnostik der Deutschen Gesellschaft für Psychologie mit dem Alfred-Binet-Preis als beste Neuentwicklung in der computergestützten Diagnostik ausgezeichneten Projekt „pro facts“ handelt es sich um ein Multimedia Assessment zur Personalauswahl und -entwicklung für den gesamten beruflichen Bereich. Der modulare Aufbau des Systems, sowie die umfangreiche Aufbereitung der Ergebnisse, sollen gemäss den Autoren einen flexiblen und vielfältigen Einsatz in Assessment- und Entwicklungsprozessen ermöglichen. In den letzen Jahren sind verschiedene individuell ausgestaltete Verfahrensvarianten für den Einsatz für neue Nutzergruppen entstanden.
Pro facts beinhaltet einen Pool mit über 40 Kompetenzen, wobei jede Messung hinsichtlich dieser verschiedenen Kompetenzbereiche auf einer „rational“ konstruierten psychometrischen Skala basierte. Die Autoren verstehen im vorliegenden Kontext unter einer „rationalen“ Itemkonstruktion die Forderung danach, dass die Items bei der Testentwicklung auf gründlichem Wissen im Sinne einer Merkmalstheorie beruhen.
Der Ablauf des Messprozesses gestaltet sich wie folgt: Zuerst wird aus dem Kompetenzpool eine geeignete Auswahl hinsichtlich der aktuellen Fragestellung getroffen. Für jede der ausgewählten Dimensionen kann eine Soll-Ausprägung, sowie eine relative Gewichtung festgelegt werden. Die anschliessende Testdurchführung erfolgt ebenso wie die Auswertung der Ergebnisse vollkommen computergestützt.
Die Autoren nehmen auch eine kritische Distanz zu pro facts ein, indem sie deutlich machen, dass jegliche computergestützte Instrumente zur Personalauswahl und -entwicklung einen „persönlichen“ Eindruck oder ein persönliches face-to-face-Interview nicht ersetzen, sondern ergänzen sollen. Dennoch können Computer im Vergleich zu traditionellen Paper-Pencil-Tests insbesondere im Hinblick auf die Validität wesentliche Vorteile aufweisen. Die Autoren weisen allerdings darauf hin, dass zu oft versucht wird, die Verfahren aus der Papierform möglichst exakt in das neue Medium „Computer“ zu übernehmen. Demzufolge wird zu selten der Frage nachgegangen, ob nicht mit Hilfe „neuer Medien“ Verfahren entwickelt werden können, welche die interessierenden Konstrukte potenziell angemessener und damit valider erfassen können. Der zusätzliche Aufwand einer Neukonzeption und die Mühen einer neuen Normierung würden sich in einer solchen Situation sicherlich lohnen.
Die Stärke des pro facts-Testsystems liegt in der Kombination von der Idee eines Assessment-Centers mit psychologischen Testverfahren. Hierbei sollen möglichst authentische Prüfungssituationen gestaltet werden, welche aus einer kognitiv-konstruktivistischen Perspektive valide und reliabel sind, gleichzeitig aber auch aus einer „psychometrischen“ Tradition das Gewinnen genauer und zuverlässig erfassbarer objektiver Erkenntnisse ermöglichen. Der Zielkonflikt zwischen der Gültigkeit und der Ökonomie (Durchführungs- und Auswertungsökonomie) einer Testsituation kann mit solchen Ansätzen konstruktiv in Angriff genommen werden.