OverviewPedagogyEducational Principles

Renkl, Alexander (1996)

Träges Wissen: Wenn Erlerntes nicht genutzt wird

Psychologische Rundschau, Vol. 47, No. 2, pp. 78–92

Google this publication · ScholarGoogle this publication

Keywords: Educational Theory

Review by: Hasanbegovic, Jasmina (2004-09-02)

Der Artikel beschäftigt sich mit Erklärungen für das Phänomen des trägen Wissens, also scheinbar vorhandenem, aber in Problemlöseprozessen nicht eingesetzten Wissens. Der Autor führt dabei drei Erklärungsansätze für den mangelnden Transfer desjenigen Wissens an, das in instruktionalen Kontexten erworben wurde.

Metaprozesserklärungen gehen davon aus, dass das notwendige Wissen vorhanden ist, aber aufgrund defizitärer Metaprozesse nicht genutzt wird. Dabei können metakognitive Erklärungen, motivationale Erklärungen, volitionale Erklärungen, Kosten-Nutzen-Erklärungen und Erklärungen, die die Rollen von Lerneinstellungen und epistemologischen Überzeugungssystemen hervorheben, unterschieden werden.

Strukturdefiziterklärungen hingegen sehen die Defizite im anzuwendenden Wissen selbst. Das Wissen ist nicht in einer Form vorhanden, die eine Anwendung desselben erlauben würde. Die fehlende Wissensanwendung wird auf Defizite im Verständniswissen oder aber auf mangelnde Überführung von Faktenwissen in Handlungswissen (Kompilierung) zurückgeführt. Weitere Strukturdefiziterklärungen sehen jeweils die getrennten, unabhängigen Wissenssysteme, durch welche sich Faktenwissen und Handlungswissen unterscheiden würden, oder gar die getrennte Abspeicherung von Gedächtnisinhalten, die bestimmten Kontexten zugeordnet werden (Kompartmentalisierung von Wissen) als Ursache für die fehlende Wissensanwendung.

Situiertheitserklärungen gehen von der Grundannahme aus, dass Wissen prinzipiell situativ gebunden ist und ein mangelnder Wissenstransfer somit nicht als Defizitfall aufgefasst werden darf. Aufgrund sehr unterschiedlicher Grundannahmen und Begrifflichkeiten unterschiedlicher Disziplinen stellt der Autor die grundlegenden Annahmen der Ansätze zur situierten Kognition im Hinblick auf die Transferproblematik vor und exemplifiziert sie an der Position von Greeno. Dabei macht er vor allem auf die Merkmale von Person-Situation-Interaktionen und sozialen Aspekten aufmerksam, die wieder vermehrt Beachtung finden, jedoch noch wenig ausgearbeitet sind und keine präzisen Konzept- und Prozessbeschreibungen zur Verfügung stellen und weiterer empirischer Forschung bedürfen.

Schließlich macht der Autor auf die Entwicklung von Instruktionsmodellen aufmerksam, die die Vermittlung anwendbaren Wissens zum Ziel haben und unter den Grundannahmen der Modelle zur situierten Kognition eine erfolgversprechende Ergänzung traditioneller Lehr- und Lernformen darstellen. Der Autor diskutiert in seinem Beitrag mögliche Erklärungsansätze für das Phänomen des trägen Wissens sehr ausführlich und führt dabei in die unterschiedlichen Dimensionen von Metaprozesserklärungen, Strukturdefiziterklärungen und Situiertheitsansätzen ein. Eine separate Behandlung der diversen Erklärungskonstrukte sieht er aber für nicht ausreichend aus, vielmehr fordert er eine interdisziplinäre Zusammenarbeit von Kognitionswissenschaften und psychologischen Teildisziplinen, die sich mit sozialen Dimensionen oder den situativen Aspekten beschäftigen. E-Learning wird in vielen Aufsätzen als Lösungsvariante für das Phänomen des trägen Wissens platziert, ohne deren Dimensionen und Zusammenhänge zu beleuchten. Dieser Beitrag führt in die entsprechenden Dimensionen ein und stellt auch für technikgestützte Lehre eine Grundlage für die Entwicklung von Lernumgebungen dar.